Menschen groß machen

Unser Naturell

Wenn Sie in die Zukunft blicken, was fällt Ihnen ein? Wie fühlen Sie sich ob der Zukunft. Wir Menschen reagieren auf diese Fragen unterschiedlich – hoffnungsvoll, besorgt, traurig, wütend, gespannt. Was steht gerade im Vordergrund? Chancen, Gefahren, Verluste, Einschränkungen, Neugierde? Dieses Erleben ist charakteristisch für Menschen – Emotionen, Beziehungsgefühle und damit verwobene Gedanken.

Kommen wir zu Vergangenheit – Ihrem Erfahrungsschatz. Wie häufig planen, befürchten Sie etwas, und dann kommt es ganz anders und überraschend oder genau so wie erwartet? Wie häufig schaffen Sie es, dass was Sie sich in den Kopf setzen / ausmalen dann auch tatsächlich zu realisieren? Meiner Erfahrung nach, schafft man gewisse Dinge, aber es kommt anders als man denkt – man übersieht was, hat dann doch nicht die Motivation, lässt sich verleiten oder kann nicht.

Worauf ich hinaus möchte, ist dass unser Umgang mit Unsicherheit strategisch ist – wir planen strategisch und agieren flexibel und situationsbedingt. Wir sind alle nicht perfekt, unsere Modelle sind nicht vollständig und es fehlen Informationen, Wissen und Erfahrung, aber wir bewältigen unsere Situationen für gewöhnlich okay. Wenn mal etwas schief läuft, reflektieren wir und reifen – ein Prozess strategisch, flexibler Anpassung. Wenn jemand den wir mögen in der Klemme steckt, helfen wir.

Das – Mensch sein mit Emotion, Bindungsgefühlen und verwobenen Gedanken, strategisch-leitlinienhaft planend / simulierend und letztlich situativ bedingt zu interagieren – scheint mir unser Naturell zu sein.

Komplexität

Wir begreifen und strukturieren unsere Institutionen durch Ordnungssysteme. Das Rechtssystem definiert Regeln, Unternehmen sind gesteuerte Hierarchien, der Staat ist dreigeteilt – alles hat seine Ordnung. Diese Ordnung ist bei genauerem Hinblicken hochdynamisch und unterliegt häufig einer Ableitungslogik. Höherwertige Grundsätze konkretisieren sich in konkrete Regeln, CEO-Vorgaben konkretisieren sich in Maßnahmen und die Legislative wird geprüft – stets wird durch Struktur Dynamik kreiert.

Diese Strukturen prägen eine Vorstellung von Sicherheit, die auch berechtigt ist, aber im Konkreten z. B. einem Gerichtsverfahren sind wir bange. Haben wir wenig Erfahrung und Wissen von einem Ordnungssystem arbeiten wir mit einfachen strukturellen Modellen, während wir in der Erfahrungssituation dann die ganze Unsicherheit spüren. Wie fühlt es sich wohl an, tatsächlich der*die Bundeskanzler*Bundeskanzlerin zu sein? Man kann es sich nicht wirklich vorstellen, aber man kann ein mehr oder weniger reichhaltiges Bild kreieren.

Wovon ich hier gerade rede, ist Artikel 1 unseres Grundgesetzes: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Wie können wir es uns erlauben Menschen zu beurteilen, wenn unser Verständnishorizont nicht ausreicht, um uns in die Situation hineinzuversetzen? Diese fundamentale Erkenntnis führt zu sogenannter Toleranz für Mehrdeutigkeit – Wir interpretieren Situationen, so arbeiten Gehirne, aber wir berücksichtigen Unsicherheit. Fragen ist sehr weise, denn wir können nicht alles wissen.

Eine Erfahrung die so etwas einschneidend lehrt, ist die Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Menschen, die mehrheitlich aus einer anderen Kultur kommt. Zum Teil fehlen einem die Wahrnehmungsfertigkeiten, um überhaupt das gesagte zu interpretieren – unsere Bewertungsmuster funktionieren nicht. Häufig sind wir in unserer Kultur dem Fehlglauben ausgesetzt, wir verstünden einander, aber das stimmt nur zu einem gewissen Grad.

Wir verstehen nicht einmal die Prozesse in unserem eigenen Gehirn. Den wenigsten Menschen ist überhaupt bewusst, dass unser “Ich” aus mehreren Komponenten besteht z. B. Vorstellung, Emotion, Körpergefühl und Denken und das diese Wahrnehmung einen Eindruck in das innere Geschehen liefert, keineswegs aber ein Durchblicken der Vorgänge. Dennoch pflegen wir situationsbedingt Interaktionen, die regelmäßig okay sind.

Diese drei Dinge – Leitlinien, Menschen und Interaktionen – prägen Systemverhalten. Also Vorstrukturierung, Systemelementeigenschaften und Interaktionen. Maßgeblich für das Systemverhalten sind Interaktionen im Kontext der Vorstrukturierung, weniger die Eigenschaften des Systemelements. Dies gilt insbesondere für soziale Systeme (Vgl. den fundamentalen Attributionsfehler der Sozialpsychologie), aber auch für z. B. Volkswirtschaften.

Maßnahmen um sich als Systemelement zu verbessern sind: sich definieren, an sich arbeiten und Interaktion. Das meiste davon können wir und machen es so gut wie automatisch. Die Qualität dieser Vorgänge variiert z. B. mit unserem Wissen und unserer Erfahrung. Meines Wissens nach, sind diese Dinge auch nicht voneinander trennbar, aber Wissen / Entscheiden bedeutet noch lange nicht entsprechend zu (inter-)agieren, das braucht Training und Leitlinien strukturieren Training vor.

Ich hoffe, ich konnte das rüberbringen, dass die Strukturen des sozialen Systems und die Interaktionen das Systemverhalten maßgeblich prägen und das Systeme Komplex, also unsicherheitsbehaftet sind, denn das z. B. bedeutet, dass unser (tatsächliches) Menschenbild erheblichen Einfluss auf unsere Interaktionen hat und z. B. ein strategischer Eingriff in ein komplexes System darstellt. Gleichzeitig verstehen wir das Element Mensch, uns selbst, besser, wenn wir die Grundlagen kennen. Deswegen habe ich wissensbildende Artikel geschrieben und geteilt. Zu Selbstregulation in Bezug auf Emotion, Kognition und Beziehungsfolgen sowie zu Bewusstsein und Wahrnehmung. Diese Grundlagen halte ich für zentral, aber ich bin kein voll ausgebildeter Psychologe oder Neurophysiologe.

Interaktion, Vorstrukturierung und Element

Halten wir fest, was bereits gesagt wurde: Der Mensch ist Emotion und Bindungsgefühl verwoben mit Gedanken, strategisch-leitlinienhaft planend und situationsbedingt interagierend, unser Verständnis von anderen hat meistens mehr mit uns zu tun, als mit den anderen, sodass Toleranz für Mehrdeutigkeit zum kontrafaktischen Schlussfolgern und Fragen anregen sollte und Systeme sind durch Elementeigenschaften und vorstrukturierte Interaktion gekennzeichnet, die ihre Dynamik hervorbringen.

Ich hoffe, dass sie sehen können, dass die Definition unseres Umgangs mit anderen ein zentraler – wenn nicht der – maßgebliche Hebel für Interaktion ist, die Struktur hervorbringt und wandelt, den wir hinreichend in der Hand haben, um der Unsicherheit des Systems positiv gegenüberzutreten und ein Teil der wenig absehbaren Gesamtdynamik zu werden – sie auch etwas zu beeinflussen.

Interaktionsmuster

Was sind charakteristische Interaktionsmuster in unserer Gesellschaft? Und auf welchen Definitionen basieren Sie? Sind meine Erachtens extrem interessante Fragestellungen vor dem Hintergrund derzeitiger Themen, wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Radikalisierung. Leider kann ich das nicht erschöpfend oder gar wissenschaftlich untersuchen, aber ich kann basierend auf meinen Beobachtungen sensibilisieren und abwägen – eher Fallstudienforschung :-).

Öffentliche Kommunikation vermittelt mir viel Angst und Zwang – häufig in Kombination die man als reaktives Muster bezeichnen kann. So ist Meinungsbildung häufig nach dem Muster aufgebaut Angstthema – Kausalkette – Zwangsmaßnahme. Also z. B. Künstliche Intelligenz – Konkurrenz zu menschlicher Leistung – Fortbildung, Klimakatastrophen – CO2-Ausstoß – Verzicht oder Rassismus – Uneinsichtig – Bekämpfen. Diese Dinge – verstehen Sie mich nicht falsch – sind nicht doof, aber sie sind wenig bereichernd.

Zum Teil fühle ich mich von meinen Mitmenschen derartig mit Problemen aufgeladen, dass ich fast handlungsunfähig / blockiert werde, während ich ein Bedürfnis nach Entlastung und konstruktiver Anregung entwickle – nennen wir es vielleicht “Geborgenheit”. Auf der einen Seite wollen also viele etwas von mir und auf der anderen Seite fehlt mir die Unterstützung – Angst, Zwang, Überforderung.

Dieses Muster begegnet mir immer wieder und deswegen hatte ich es irgendwann im Kontext von Anerkennung, Akzeptanz und Integration beleuchtet: Diese Interaktionsform produziert Frust und Demotivation bis hin zur Resignation und schier unüberwindlichen “Mauern”. Wir sollten uns also bewusst machen, was wir von anderen erwarten (können) und uns Gedanken machen, ob wir uns mit unperfekten Menschen anfreunden können, wollen wir gemeinsam etwas erreichen.

Definieren wir uns entsprechend um, entstehen viel konstruktiver gerahmte Interaktionen mit der Zeit und wir sind weniger enttäuscht voneinander und zufriedener – es entsteht eine freiheitlichere Kultur mit weniger Machtdistanz (Vgl. zur Zufriedenheitswirkung den Artikel Glücksländer). Hier ist auch ein weiteres Phänomen spannend: Steuerflucht. Warum minimieren Reiche Menschen ihre Steuerlast, wenn sie eigentlich weniger Zufriedenheit verlieren, als sie erzeugen und zudem Respekt gegenüber ihren Rahmenbedingungen wie der Staatsorganisation zeigen? Das ist weder rational, noch empathisch – ist doch toll, etwas beitragen zu können?

Ein weiteres Muster, das mir immer wieder begegnet, ist Kampf. Konflikte zu lösen bedeutet im Kern Perspektiven des Gegenübers zunehmend zu verinnerlichen und durch innerliche Bearbeitung gegen eine gemeinsame Lösung zu konvergieren – man kann die Lösung dem anderen nicht “einhämmern”, braucht gleichwohl die Bereitschaft zum gegenseitigen sich Hineinversetzen und Austauschen.

Warum empfinden Menschen die Konfliktbewältigung nicht als bereichernd? Liegt das nicht gerade an der Agression und Beleidigung des Kampfes, der damit selbstverstärkend und destruktiv wirkt? Weil mich das belastet, versuche ich Einsicht zu zeigen und wähle soweit möglich die Personen, mit den ich mich auseinandersetzen möchte.

Das letzte Muster, das mir immer wieder begegnet, kann man vielleicht als Konsummentalität bezeichnen. Weil ein “professionelles” Verhältnis vorliegt, schwindet die Mitmenschlichkeit. Zum Beispiel: Kennen Sie Ihren Postboten persönlich, wie geht es ihm gerade? Stellen Sie einen Menschen ein oder einen “High-Performer”? Sagen Sie danke, wenn jemand einen Artikel für Sie schreibt, tragen Sie ihre Ideen und Ansichten bei, vermitteln Sie zwischen Bloger und Freunden, oder konsumieren Sie nur? Haben Sie schon mal bei einem Hersteller angerufen und sich bedankt? Kennen Sie den Erfinder des ABS? Loben Sie auch mal einen Politiker? Haben Sie schon mal eine Bedienung aufgebaut, als sie einen schlechten Tag hatte? Unterhalten Sie eine aufrichtige und wertvolle Beziehung zu Ihrem Vorgesetzten? Das sind so Kleinigkeiten, aber diese Form von Wertschätzung und genereller Mitmenschlichkeit hat doch eigentlich höhere Priorität als das Tauschverhältnis?

Menschen groß machen

Zusammengenommen komme ich zum Ergebnis, dass wir versuchen sollten, einander groß zu machen. Wir sollten Respekt und Wertschätzung vermitteln, Menschen auf ihre Stärken aufmerksam machen, sie akzeptieren und wohlwollend beurteilen, wir sollten Achtsam sein in der Interaktion, z. B. loben, Mitgefühl aufbringen und Zuspruch erteilen auch auf Verständigung, Informationsaustausch und Bereicherung durch unterschiedliche Perspektiven und Modelle sollten wir achten. Ich glaube solche Umgangsformen, die ja auch auf uns zurückfallen, haben erheblichen Einfluss auf unsere Zufriedenheit und unseren sozialen Wohlstand.

Wenn Sie z. B. über Nachhaltigkeit nachdenken: Ist Nachhaltigkeit nicht irgenwie auch geruhsam und genüsslich – erlesen konsumieren, geräuscharme Städte. Oder intellektuell befriedigend – die optimale Lösung für Mobilität und Heizung. Oder gesund und anregend – mit dem Fahrrad oder zufuß zum Supermarkt. Wenn ich mir z. B. nochmal ein Auto kaufe, würde es mir Spaß machen, mit diesem Modell zu tüfteln, um die optimale Entscheidung zu treffen – alleine schon, um überhaupt das Ergebnis zu kennen 🙂

Als Wirtschaftsingenieur (Maschinenbau), der sich stets fortbildet, erarbeite ich Lösungsansätze für eine bessere Zukunft und trage begleitendes Wissen zusammen. Mein Blog dreht sich um Visionen für Menschen im Kontext gesellschaftlicher Systeme und technologischem Fortschritt. Aktuell versuche ich ein Portal für nachhaltiges Einkaufen zu entwickeln. Hier finden Sie Informationen und können das Projekt fördern: OptEcoBuy. Weitere Informationen finden Sie in der Xing-Gruppe.

Ein Gedanke zu „Menschen groß machen“

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