Integration

Einleitung

Integration wird häufig gefordert. In der Integrationsdebatte rund um Migranten hört man häufig: “Migranten sollen sich integrieren”. Können Sie verstehen, was der Migrant tun soll? Was verstehen Sie unter Integration?

In diesem Artikel wird das allgemeine Integrationsproblem am Beispiel der Integration von Migranten / Asylanten dargestellt, aber es ist wichtig, dass Problem in Analogieschlüssen zu übertragen, denn es handelt sich um ein fundamentales Problem des Individuums in einer Gesellschaft. Ich habe viele Menschen beobachtet, die im Kern danach streben integriert zu sein, und die immer wieder an grenzen stoßen, und dann gedrückt bis depressiv in Lebenskrisen geraten. Dieser Artikel gibt Ihnen möglicherweise Hoffnung.

Es gibt verschiedene Wege, um Integration zu modellieren.

Absolute Integration

Absolute Integration bedeutet, dass ein Systemelement sich so verhält, dass das System gegebene Ziele optimal erreicht.

Ein Beispiel wäre der Migrant, der in seiner neuen Gesellschaft sein Handeln so einrichtet, dass die Gesellschaft den höchsten sozialen Wohlstand erreicht. Es gibt im Kontext von Industrie 4.0 ein weiteres wichtiges Beispiel:

Eine Maschine in einem Produktionssystem ist ausgestattet mit Informationstechnologie und berechnet, was sie wann produziert, um die Nachfrage an das Produktionssystem möglichst optimal zu befriedigen.

Tatsächlich ist dieses Optimierungsproblem weder individuell, also durch das Systemelement noch hierarchisch also durch einen Leitrechner des Systems während Ihrer Lebenszeit lösbar. Auch Menschen müssten alle Optionen im Kontext des Systemverhaltens antizipatorisch durchspielen, um eine absolute Integration zu erreichen, was unsere Denkkapazität überschreitet.

Absolute Integration ist also (derzeit) unmöglich.

Regelbezogene Integration

Regelbezogene Integration bedeutet, dass ein Systemelement als integriert gilt, wenn es sich zu jeder Zeit an eine abgeschlossene Menge von Regeln hält, die einen Konsens des Systems darstellen.

In der Realität existiert zunächst kein Konsens über Regeln, die Menge der Regeln ist vermutlich nicht abgeschlossen und selbst wenn sie abgeschlossen wäre, wäre der Umfang vermutlich nicht in einer Weise lernbar, dass zu jeder Zeit die relevanten Regeln präsent sind und letztlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Regeln nicht konsistent sind.

Unter diesen Bedingungen kann weder der Mensch noch die Maschine “optimal”, also Regelkonform agieren und regelbezogene Integration ist ebenfalls unmöglich.

Erfahrungsheuristische Integration

Erfahrungsheuristische Integration ist eine systematische Verhaltensvariation des Systemelements bei Berücksichtigung der Systemresultate, um in der Auswertung der “zufällig” produzierten Ergebnisse ein Muster zu erkennen, das auf das Optimum schließen läßt. Zwischenzeitlich wird die beste bekannte Lösung gehäuft.

In Bezug auf ein Produktionssystem können Sie mit der Monte-Carlo-Simulation in begrenzter Zeit optimumsnahe Lösungen finden. Die Güte der Heuristik ist abhängig von der Anzahl zufällig gebildeter und berechneter Varianten, also ein Zeitproblem.

In Bezug auf Menschen liegt das zentrale Problem darin, dass Systemresultat zu beurteilen. Es müsste zunächst das Zielsystem als gesellschaftlicher Konsens widerspruchsfrei definiert und gewichtet sein und dann müssten alle Folgewirkungen per Feedback sachlich rückgemeldet werden. Das Individuum müsste alle Handlungsvariationen erfassen, mit den Folgewirkungen verknüpfen und entsprechend des Zielsystems zu einer Ergebnisgröße verdichten. Nach einer Simulationsphase könnte sich das Individuum auf ein bestes Handeln festlegen. Um flexibel zu bleiben, müsste die Simulation hin und wieder wiederholt werden.

Erfahrungsheuristische Integration ist das, was meiner Einschätzung nach die meisten Menschen tun. Das Zielsystem ist sozialisiert-wahrnehmungsabhängig und individuell, die Variation des Handelns ist semi-strukturiert, das Feedback ist eingeschätzt und unvollständig, die Auswertung erfolgt eher intuitiv als mathematisch exakt und die Erhebung wird zum Teil vergessen. Kurz: Menschen versuchen sich “richtig” zu verhalten und verwenden ihr subjektiv “bestes” bekanntes Ergebnis derzeit. Zudem tauschen sie sich über Erfahrungen aus.

Das bedeutet z. B., dass Integration – vernünftig betrachtet – ein Prozess mit hochgradig diversen Zuständen ist und durch die zentralen Interaktionspartner und Zufälle geprägt wird. Wenn man also sagt: “Du musst dich integrieren”, sollte man vernünftiger Weise akzeptanz für Verhaltensvariation und viel Geduld mitbringen und individuelle temporäre Ergebnisse erwarten. Kurz: Jemand der unter Verdacht steht, nicht integriert zu sein – z. B. weil er aussieht wie ein Migrant – wird nicht belegen können, sich integriert zu haben.

Integration aus Systemperspektive

Integration aus Systemperspektive bedeutet, dass jemand als integriert gilt, wenn er “integriert” wurde – es handelt sich um einen ausschließlich zwischenmenschlichen Ansatz.

Hier wird die Verantwortung oder die Problematisierung der Verantwortung vom Individuum auf das System übertragen und dann das Indiviualverhalten aus dem “optimalen” Systemverhalten abgeleitet.

Nehmen wir an Integration bedeutet akzeptiert zu werden, dann ist ein suboptimales Individuum integriert, wenn es vom System akzeptiert wird. Das optimale System, das Integration wünscht, würde also die Akzeptanz von Individuen durch seine Systemelemente maximieren. Dazu müsste das System möglichst viele Systemelemente dazu bringen akzeptant gegenüber Individualität zu sein, also Diversifität zu schätzen.

Dieser Ansatz ist für Sie vermutlich erstmal albern, weil er die ganze Denkkategorie sprengt. Die Kategorisierung / Assoziation Migrant – systemextern – nicht integriert ist aus dieser Perspektive schlichtweg falsch. Der Fehler liegt bei Ihnen, sie sollen nicht “systemextern” denken oder eine Kategorie “integriert” meinen zu kennen, sondern Mensch – anders – Vielfalt – Bereicherung denken  und fühlen.

Was bedeutet das? Menschen suchen nach Sicherheit und jetzt sollen Sie Vielfalt immer gut finden. Das geht nicht. Wir brauchen also eine Einschränkung. Aus Individualperspektive und aus Systemperspektive müssen wir definieren oder ableiten, welche Formen der Vielfalt allgemein nicht erlaubt sind.

Das ist nicht zu verwechseln mit Ihrer individuellen Meinung, denn wir brauchen anerkannte Prinzipien auf die sich alle Individuen und das System einigen, sodass klar ist was man nicht darf. Sie werden vielleicht bemerkt haben, dass das die Invertierung der regelbezogenen Integration (Lösung des dualen Problems) ist und das unser System tatsächlich so arbeitet – wir haben Rechtsgrundsätze.

Das Problem wurde aber zudem von unzähligen Menschen analysiert und es sind soweit mir bekannt drei fundamentale Konzepte entstanden: 1. der kategorische Imperativ Kants, 2. der Utilitarismus und 3. Konzepte basierend auf Verallgemeinerung von Empfindungen. Integration bedeutet demnach: Sei vielfältig, aber moralisch, dann finde ich dich gut. (Interessanter Weise leiden alle Ansätze unter der begrenzten Simulierbarkeit des Systemverhaltens, und können demnach nur mit Erfahrung und Phantasie entwickelt werden [Pfadabhängigkeit]).

Zusammenführung

In individueller Optimierung ist Integration die systematische Variation von Verhalten (Ausprobieren) und der Versuch das was klappt oder toll ist zu verinnerlichen. In systemischer Optimierung ist Integration Freude über Vielfalt, sofern alle moralisch bleiben. Zusammengenommen sollten Sie sich freuen, wenn Ihnen jemand / etwas neues begegnet, das strebsam versucht etwas subjektiv positives zu finden, sofern es moralisch ist.

Die Forderung: “Integrier dich”, ist hingegen grober Unfug, denn Integration unter Menschen ist ein Wechselspiel und wenn Sie sagen: “Integrier dich”, zeigen Sie, dass Sie eine Kategorie verinnerlicht haben, die zementiert, dass eine andere Person niemals als integriert gilt, solange Sie Ihre Kategorie nicht ändern.

#Wichtige Anmerkung:

Es gibt im Kontext von Integration von Migranten / Asylanten einen wichtigen Blindpunkt, soweit mir bekannt.

Eine beschreibende Theorie der Moral, die ich aus dem Buch Moral Minds von Harvard-Professor Marc D. Hauser kenne, besagt, dass Menschen über soetwas wie eine universelle moralische Grammatik verfügen, die sich in einer moralischen Sprache durch den Umgang mit der Umgebung vor allem als Kind konkretisiert.

Im interkulturellen Kontext existieren demnach verschiedene moralische Sprachen, die die moralische Intuition prägen. Dementsprechend wäre es wichtig, dass die Deutschen durch interkulturelle Forschung erarbeiten, inwiefern die moralische Intuition der Migranten / Asylanten nicht mit unserer vereinbar ist, sodass den Migranten / Asylanten von uns erklärt werden kann, was bei uns nicht erlaubt ist, aber für sie nicht intuitiv verständlich ist.

Manch einer wird jetzt sagen, die Migranten / Asylanten sollen das z. B. durch “Gesetzeslektüre” erarbeiten. Bitte verstehen Sie, dass das ein Jurastudium ist und in erheblichem Maße Detailkenntnis von Wortbedeutungen erfordert, die z. B. den meisten Deutschen auch erst mit Vollendung des Abiturs erwachsen ist.

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2 Gedanken zu „Integration“

    1. Hallo Herr Schmidt,
      vielen Dank für den Kommentar und die Empfehlung. Bei Gelegenheit werde ich mir “Die Gesellschaft der Gesellschaft” mal durchlesen.
      Es wäre jedoch super, wenn Sie kurz darlegen könnten, worum es in dem Abschnitt grob geht, damit ich Ihren Gedanken nachvollziehen kann.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Marius A. Schulz.

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