Arbeitsvermittlung 4.0

Grundlagen

Psychosoziale Folgen der Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit derzeit ist für betroffene eine erhebliche Belastung. Wer sich im Umfeld von Jobcentern und Arbeitsämtern umhört, hört viele Geschichten von Frustration, Verzweiflung und Schande. Betroffene fühlen sich in ihrem Selbstwert geschwächt und berichten in Wut von mühsamen und meistens vergeblichen Bewerbungsversuchen. Sie liegen gewissermaßen brach. Depressionen und körperliche Beschwerden führen zu Gesundheitskosten und Leid.

Unternehmensperspektive

Unternehmen orientieren sich an der Normalverteilung von Ausbildungsniveaus und der umgekehrten Gammaverteilung von Erfahrungsjahren (Demographie, Sterblichkeit) in Bezug auf vorwiegend klassische Aufgabenfelder. Sie suchen Kompetenzmassen, um viel Kompetenz für wenig Geld zu erhalten und sich die Gesinnung des Menschen besser aussuchen zu können. Hochspezialisierte Experten sind regelmäßig zu teuer und der Durchschnitt passt von der notwendigen Kompetenz her nicht. Erfahrung findet sich vor allem im mittleren Erwerbsalter. Übrige Arbeitnehmer müssen sich attraktiv machen, wenn es denn geht und haben es schwerer. Es gibt aber Nischen für sie.

Staatsperspektive

Aus Staatsperspektive kosten Arbeitslose, die nicht mehr per Arbeitslosenversicherung finanziert werden (Hartz IV oder Arbeitslosengeld II) den Staat nicht nur Geld, sondern sie zahlen auch keine Einkommenssteuer – es wirkt auf der Ausgaben- und Einnahmenseite. Deswegen ist es fraglich, ob das, was wir heute Existenzsicherung nennen, aus Staatsperspektive gut gemanaged wird, denn die Kosten sind eine Funktion der Investition in den Arbeitssuchenden AI.


(1)   \begin{equation*} Kosten = (AF + VK - ES)*\Delta t(AI) + AI \end{equation*}


Hierbei bezeichnet AF die Finanzierung des Arbeitssuchenden, VK die Verwaltungskosten der Behörde, die keine Investition in den Arbeitssuchenden darstellen, ES die entgangenen Steuereinnahmen und \Delta t die Zeit der Arbeitslosigkeit. Ein beispielhafter Verlauf sieht so aus:
Staatskosten der Arbeitslosigkeit

In der vorliegenden Beispielrechnung sollten also etwa 22.000 € in den durchschnittlichen Hartz-IV-Empfänger an direkter Förderung investiert werden, um die Kosten der Arbeitslosigkeit zu minimieren. In Realität erhalten Hartz-IV-Empfänger regelmäßig Sichtung der Bewerbungsunterlagen und Bewerbungsgesprächberatung. Regelmäßig erst beim festgestellten Scheitern der Vermittlung werden Fortbildungen ermöglicht. Das erscheint mir falsch und grob fahrlässig.

Volkswirtschaftliche Perspektive

Aus volkswirtschaftlicher Perspektive soll der Arbeitsmarkt die Menschen entsprechend ihrer höchsten Faktorproduktivität auf Arbeit verteilen. Höchste Faktorproduktivität bedeutet, das jemand an seinem Arbeitsplatz den höchsten Beitrag zum ökonomischen Wohlstand leistet, den er im System leisten kann.

Perspektive der Gerechtigkeit

In Deutschland gibt es nicht nur den Grundsatz der Leistungsgerechtigkeit, sondern auch der Verteilungsgerechtigkeit. Deswegen sollen Menschen, die (temporär) aus ökonomischer Perspektive leistungsunfähig sind am Wohlstand beteiligt werden. Existenzsicherung und auch Sozialhilfe dienen dem Erhalt des Lebens auf Minimalniveau, deswegen sind sie nicht Verteilungsgerecht, denn es findet keine Beteiligung am Wohlstand statt. Die Orientierung am Überleben ist in Deutschland zunehmend problematisch, da der Wohlstand real steigen sollte, während Überleben real stagnant ist.

Arbeitsvermittlung 4.0

Wie sollte eigentlich Arbeitsvermittlung aussehen, wenn sie die dargelegten Grundlagen berücksichtigt und versucht gut zu sein?

Investitionsmentalität

Eine gute Arbeitsvermittlung ist stets auf dem aktuellen Stand von Beschäftigungstrends und kennt die Arbeitgeber gut. Es kann nicht sein, dass das Scheitern von Bewerbungsbemühungen nicht rechtzeitig antizipiert und durch Fortbildung und Qualifizierung konterkariert wird. Weiterhin ist eine Vermittlung eines Individuums mit eigenen Werten, Zielen und Kompetenzen an jedweden Arbeitgeber grober Unfug, da langfristig nur Arbeitnehmer, die zufrieden werden sollten, einen wirklichen Arbeitsplatz vermittelt bekommen haben. Die einfache Abwälzung von Staatskosten auf Irgendwasarbeit, die die Menschen belastet, setzt zum einen falsche Anreize für die Automatisierung unbeliebter Jobs und zum anderen ist das häufig nicht der Ort höchster Faktorproduktivität. Weiterhin führt Fehlvermittlung zu weiteren psychischen Belastungen und destabilisiert im Zweifel den Menschen weiter und führt zu Gesundheitskosten. Die Jobcenter sollten tatsächlich sogar Arbeit nur an kooperierende Firmen vermitteln, die nachweislich gute Arbeitsbedingungen haben, den die Arbeitsvermittlung kann Marktmacht ausüben, die der einzelne Bewerber nicht hat, sodass der Unternehmensmacht etwas mehr gegenüber steht.

Eine gute Arbeitsvermittlung stellt sicher, dass die Arbeitssuchenden nicht brach liegen und degenerieren. Das ist tatsächlich zum ersten psychologische Betreuung ob der Gefahr der Depression, zum zweiten aktive Vermittlung von kleineren Aufträgen als Freelancer und zum dritten Fortbildung und proaktive Qualifizierung zur Kompetenzerweiterung statt reaktiver Umschulung.

Behördenmanagement

Prozesse sind nach den Kriterien Effektivität, Effizienz und Flexibilität auszulegen. Kompetenz und Verantwortung sollten in Deckung zueinander stehen. Das sind zentrale Basics des Managements.

Es kann nicht sein, dass Arbeitssuchende zu Bewerbungschreiben (Menge / Zeit) angehalten werden und bei Zusage zur Annahme verpflichtet sind, wenn erstens klassische Bewerbungen gegenüber Networking und dem Besuch von Messen (deren Reisekosten lediglich bei vorheriger Genehmigung ersetzt werden) unterlegen sind und zweitens Motivation zur Arbeit, also dazu einen Beitrag zu leisten durch Nötigung konterkariert wird. Das ist nicht effektiv. Hier braucht es Kenntnis optimaler Bewerbungsstrategien und entsprechende Vereinbarungen.

Es kann auch nicht sein, dass ein Antrag auf Hartz-IV ein mehrstufiger Prozess ist, der das einreichen von etwa vierzig Angaben mit entsprechenden Belegen bedeutet. Das ist nicht effizient und im Kontext der Digitalisierung extrem veraltet. Solche Daten sollten dem Staat nach einfacher belegter Kundgebung der Personalien und des Umstands der Arbeitslosigkeit vorliegen – per Datenzugriff.

Derartige konstruktive Kritik aber auch Beschwerden werden in deutschen Behörden regelmäßig dadurch abgetan, dass der Mitarbeiter keine Kompetenz in Bezug auf Entscheidungen, Gesetze und Regeln habe, sodass vernünftige flexible Vereinbarungen gar nicht möglich sind. Deswegen sollte eine Arbeitsvermittlung 4.0 ein Wissensmanagement, Änderungsprozesse und Feedbackprozesse fest etabliert haben. Es kann nicht sein, dass mein Angebot Rückmeldung zu erteilen nicht angenommen wird. Hierin liegt eine Chance für die Behörde und den Gesetzgeber der kontinuierlichen Verbesserung. Stagnation ist inflexibel und Mitarbeiter ohne Verhandlungskompetenz können keine Vereinbarungen treffen, sondern maximal (starre) Regeln durchsetzen. Das ist auch für sie frustrierend.

Es ist im übrigen bemerkenswert, dass die Mitarbeiter regelmäßig die für sie relevanten Gesetze kennen, aber keine Ahnung von der Rechtsordnung an und für sich haben, sodass sie keine Einwände als Ableitung aus z. B. dem Grundgesetz oder anderer übergeordneter Rechtsetzung abwägen können. Die Arbeitsvermittlung 4.0 braucht qualifiziertes Personal.

Arbeitssuchendenfinanzierung

Wie bereits angemerkt ist der Ansatz, lediglich das Überleben der Arbeitssuchenden zu sichern unbillig aus Perspektive der Verteilungsgerechtigkeit und eventuell sogar nicht mit dem Grundgesetz zu vereinbaren. Es ist sogar noch schlimmer, denn die Existenzsicherung verkennt zur Zeit, dass Mobilität, Internet und Kommunikationsgeräte existentiell für die Vermittlung von Arbeitssuchenden sind. Dies wird nicht oder nur nach vorheriger begründeter Genehmigung finanziert. Im Übrigen gehen Raucher zugrunde, weil sie mittelfristig nicht von Hartz-IV überleben können. Es ist nun mal brachial schwer mit dem Rauchen aufzuhören, weil es eine Sucht ist – hier ist nicht mal die Existenz gesichert.

Richtig hingegen wäre eine Beteiligung am Wohlstand der Gesellschaft, also eine Finanzierung die proportional zum realen Bruttoinlandsprodukt ist, und folglich mit diesem wächst. Es existiert mit dem Ansatz des Utilitismus sogar eine Finanzierungsform fernab der klassischen Steuer für derartige Finanzierung bis hin zur negativen Einkommenssteuer / zum Grundeinkommen.

Fazit

Arbeitsvermittlung 4.0 bedeutet Investition in Arbeitssuchende, proaktive Beurteilung der Situation des Arbeitsuchenden durch Experten, moderne dynamische Behörden mit einer aktiven Feedbackkultur und einer Kultur der Verantwortung und eine Finanzierung des Arbeitssuchenden die mit dem Wohlstand der Gesellschaft harmoniert. Wenn letzteres zu mehr Langzeitarbeitslosigkeit führt, ist das auch ein wichtiges Signal an die Wirtschaft, attraktive Jobs anzubieten und unbeliebte Jobs zu automatisieren.

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Als Wirtschaftsingenieur (Maschinenbau), der sich stets fortbildet, erarbeite ich Lösungsansätze für eine bessere Zukunft und trage begleitendes Wissen zusammen. Mein Blog dreht sich um Visionen für Menschen im Kontext gesellschaftlicher Systeme und technologischem Fortschritt. Aktuell versuche ich ein Portal für nachhaltiges Einkaufen zu entwickeln. Hier finden Sie Informationen und können das Projekt fördern: OptEcoBuy

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Veröffentlicht von

Marius Alexander Schulz

Als Wirtschaftsingenieur (Maschinenbau), der sich stets fortbildet, erarbeite ich Lösungsansätze für eine bessere Zukunft und trage begleitendes Wissen zusammen. Mein Blog dreht sich um Visionen für Menschen im Kontext gesellschaftlicher Systeme und technologischem Fortschritt. Aktuell versuche ich ein Portal für nachhaltiges Einkaufen zu entwickeln. Hier finden Sie Informationen und können das Projekt fördern: OptEcoBuy

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