Habitatsüberlegungen

Eine Fragestellung, die mich schon mein Leben lang begleitet, ist: Sind wir Menschen eigentlich in einer Zivilisation, die uns als Menschen entspricht oder hat sich unsere Zivilisation ahuman verselbstständigt? Das Bildungswesen hat kaum eine Antwort geliefert, da wir dort nur in den seltensten Fällen überhaupt Grundlagen schaffen, uns selber zu verstehen. Zunächst möchte ich ein Modell entwickeln, dass die Fragestellung, wer sind wir Menschen konturiert, vorstellen. Dann möchte ich über Habitate schreiben, aus denen wir kommen und die bis ungefähr zur industriellen Revolution gegeben waren. Dann möchte ich über zentrale Lösungsansätze nachdenken. Dieser Artikel dient der Sicherung von Überlegungen und ist keine erklärende Prosa.

Wer sind wir Menschen? – Ein neuropsychologisches Grundmodell

Dieser Abschnitt basiert auf diversen Üerlegungen basierend auf:

    • Gerhard Roth (2003): „Fühlen, Denken, Handeln“,
    • Daniel Goleman (1997): „Emotionale Intelligenz“,
    • Gering (2015): „Psychologie“ und
    • Aronson, Wilson und Akert (2014): „Sozialpsychologie“:

Das menschliche Gehirn ist differenzierter, aber es kann recht umfänglich durch folgendes Grundmodell erfasst werden, das vor allem unser Erleben beschreibt:

Dabei ist die Verwobenheit von limbischem Gehirn mit der Wahrnehmung und Kognition entscheidend: Menschen haben keine unabhängige Rationalität, wie das philosophische Modell des Animal rationale nahelegt. Insbesondere aufgrund unseres Arbeitsgedächtnisses liegen Verstandesleistungen häufiger als Vergegenwärtigungen in Dokumentationen vor, während unser Denken auf Assoziationen und Bisoziationen auch unter Nutzung von logischen Operationen basiert, die stark durch das Arbeitsgedächtnis mit etwa vier bis sieben Chunks reduziert ist: wir Überblicken unsere eigenen Dokumentationen nicht. Im Übrigen ist vergegenwärtigendes symbolisches Spielen mit Gegenständen eine visuelle Information, die eine starke Verdichtung auf wenige Chunks erlaubt.

Unser limbisches Gehirn ist bereits bei Geburt entwickelt und erst nach einer frühkindlichen Entwicklungsphase haben wir vollen Zugriff auf den Neokortex. Es gibt im Übrigen keine unmittelbare Motivation, zu beherrschen im Menschen, stattdessen gibt es Empathie, die auf iterativem nachspüren und projezieren von eigenen Emotionen und Zuständen basiert.

Die entscheidende Leistung von Daniel Goleman ist, Emotionen mit Motivationen zu koppeln: was löst Emotionen aus? Dazu eine erweiterte Übersicht:

Emotion Motivation
Angst Unversehrtheit
Wut Ziele erreichen
Trauer Bewahren / Nähe
Ekel (Moralisch) gesund bleiben
Freude Bereicherungen
Distress Angenehme Bedingungen
Scham Zuneigung / Sexualität
Überraschung Reagibel sein
Interesse Suchen
(Perplexität) Etwas überstehen / Vorbeigehen

Neben den Emotionen gibt es noch die Affekte, die im Wesentlichen physiologische Grundbedürfnisse sichern: Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Schmerz. Motivationen sind grob in Sorgen und Hoffnungen unterteilbar und bilden sich durch unsere Wünsche, Erwartungen und aufrechterhaltung unseres Systems.

Historische Habitate

Das Grundmodell eines evolutionär relevanten Habitats ist eine Gemeinschaft mit Ländereien, die sich in Gemeinden mit einem Zentrum organisiert. Zu unserem evolutionären Erbe gehört meiner Beobachtung und Analyse entsprechend weniger das Modell, Jäger, Sammler, Hirte, als viel mehr ein Körperkonstitutionenmodell mit der Differenzierung: Muskelmasse und Körpergröße sowie neuronale Prädispositionen:

Körpergröße
Klein Mittel Groß
Muskelmasse Hoch selten Lastenlogistiker selten
Mittel Nahumfeldsspäher Reserve Krieger
Niedrig selten Fernumfeldsspäher selten

Unsere Habitate aus evolutionärer Perspektive sind umwallte Gemeinden mit Fluchttunneln, die über Ländereien verfügen und in gesicherten Handelsrouten verbunden sind. Unsere vorwiegenden Körperformen sind für das Bewohnen und das Handeln sowie die Verteidigung in Gruppenkonfigurationen mit einer historischen „genetischen Arbeitsteilung“ ausgelegt. Insbesondere ist der weibliche Krieger oder übergroße Fernumfeldsspäher ein merkwürdiges Schönheitsideal, das atypisch für viele Menschen in der Partnerwahl ist. Insbesondere die Achsen um die Reserve sind typischere Partnerwahlen.

In solchen Habitaten ging es darum, das Tageswerk erledigt zu bekommen und sich ansonsten der kulturblütenartigen Beziehungspflege und den Errungenschaften kognitiver Art zu widmen: insbesondere eine solche Kulturblüte haben wir in modernen Zivilisationen nicht, die verselbstständigte Wirtschaftssysteme und Wissenschaften aufweisen.

Ich spreche im Übrigen von der männlichen Form, weil mir die besondere Rolle der Frau nicht wirklich transparent ist. Grundsätzlich gliedern sich auch Frauen in diese Kategorisierung, allerdings mit niedrigerer durchschnittlicher Körpergröße und es ist zu vermuten, das Frauen integraler Bestandteil der Gruppenkonfigurationen sind mit einer Sonderrolle als gebärende und stillende Mutter. Es ist sehr schwer sich in die anderen Kategorien hineinzuversetzen, aber in meiner Kategorie des Fernspähers oder auch Handelsreisenden gibt es viele fallstudienartigen Uberschneidungen von Präferenzen und evolutionärem Erbe und ich vermute, dass Frauen dieses Typs ebenfalls mitreisen würden.

Überlegungen zu Lösungen für unsere Zivilisation

Im Wesentlichen die Marktlogiken verselbstständigen Wirtschaft und Wissenschaften: es gibt keine Suffizienz der Produktivitätssteigerungen, sondern eine Realpreisreduktion die realen Wohlstand steigert, allerdings nur an marktlichen Produkten und Dienstleistungen sowie öffentlichen Gütern, die über Steuern finanziert werden, sie zu erarbeiten. Was insbesondere auf der Strecke bleibt sind Beziehungspflege und kulturelle Leistungen aufgrund der stets hohen Arbeitszeit. Ein uneingelöstes Versprechen unseres Systems ist die Erhöhung der Freizeit (kultureller Wohlstand), da wir in relativem Wettbewerb mit annähernd gleicher Technologie und nützlicher Wirtschaftsbildung stehen: Es wird immer der Output erhöht. Hier wäre eine einfache Lösung im Sinne eines Degrowth-Gedankens, die Standardarbeitszeiten international kooperativ auf niedrigem Niveau zu harmonisieren, denn nur ein Teil der Wirtschaftsleistung kommt bei uns Menschen überhaupt motivational wirklich an: auf vieles würden wir verzichten vor den Tausch zwischen Freizeit und Ware bzw. Dienstleistung gestellt. Weiterhin sind Marktleistungen unpersönlich und wenig kulturell phantasievoll und wir haben als „Wohlstandsnationen“ überhaupt keine Kulturblüte hervorgebracht. Umverteilungen, wie z. B. ein Bedingungsloses Grundeinkommen oder eine Negative Einkommenssteuer spielen dabei ebenfalls eine zentrale Rolle.

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Beziehungen

Willkommen in der Welt eines psychologisch vorgebildeten Ökonomen, der versucht zwischenmenschliche Beziehungen zu erfassen. Wir Ökonomen zerpflücken reale Prozesse und Entscheidungssituationen in analytischen Modellen und lernen systemisch zu denken – die akkrebie unserer Betrachtungen ist herrlich weltfremd und dann doch pragmatisch: Es ist immer ein bisschen peinlich sich als Ökonom zu „öffnen“.

Ich möchte in diesem Artikel mit Charakterisierungen von Individuen beginnen, die in bilaterale systemische Wechselspiele verwickelt sein wollen, die wiederum in Netzwerkzusammenhängen auftreten und für diese drei Entwicklungsstufen einer systemischen Betrachtung approximative Modellierungen wagen. Ziel ist es Hebel für die Beziehungsführung zu identifizieren. Das Unterfangen ist so komplex, dass ich am Anfang meiner Betrachtung noch nicht weiß, was am Ende dieses Artikels herausgekommen sein wird – ich kann es nicht antizipieren. Begleiten Sie mich auf dieser Reise?

Individuen

Individuen weisen m. E. eine Kernfuktionalität auf, Modulation der Kernfunktionalität und bemerkenswerte innere Konzepte.

Kernfunktionalität

So komplex Individuen auch sind, sie haben eigentlich nur wenige Einwirkungsmöglichkeiten auf ihre Umgebung: sie können kommunizieren, körperlich einwirken und Dritte sowie Maschinen finanziell oder energetisch beauftragen. Dieses Handlungspotential ist verwoben, so besteht ein typischer Beziehungsakt z. B. aus einem Wein- und Käsekonsum mit einer Unterredung und körperlicher Zärtlichkeit und Sexualität.

Die Innenwelt eines Individuums besteht eigentlich aus Emotion & Affekt, emotionaler Konditionierung, Sozialisation und gewohnter bzw. bewusster Handlungsplanung auf deren aufsteigende Verwebung interne Kommunikation (vorbewusste und bewusste Gedanken sowie bewusste Gefühle) sowie externe Kommunikation (verbale, non-verbale und körperliche Kommunikation) einwirkt. Vgl. Roth (2017).

Emotional und affektiv gibt es Wollens- und Vermeidensantrieb. Im Bereich des Wollensantriebs tretten die Affekte Hunger, Durst und sexuelle Lust sowie die Emotionen Freude, Interesse und Liebe, aber auch Wut auf. Im Bereich des Vermeidensantriebs tretten der Affekt Schmerz und Aufregung und die Emotionen Angst, Ekel, Scham und Trauer auf. Die Zuordnung richtet sich nach dem unbearbeiteten Antrieb, so kann z. B. ein Vermeidensantrieb Trauer letztlich in einen Wollensantrieb überführt werden, wenn der Verlust abstrahiert und als anstrebenswerte persönliche Wichtigkeit motivational aufgefasst wird (Vgl. weiterführend Selbstregulation). Roth (2017) sieht diese Ebene des Unbewussten zusammen mit der emotionalen Konditionierung als den Ursprung unserer Gehirnprozesse in der Persönlichkeitsbildung.

Die emotionale Konditionierung speichert subjektive Erfahrungen unseres Lebens und schätzt basierend auf diesem emotionalen Gedächtnis unsere Situationen ein. So setzt die Ebene der emotionalen Konditionierung im Wesentlichen auf der Ebene der Emotionen und Affekte auf, bringt aber eine situative Komponente in diese Wechselwirkung mit ein. Z. B. hätte ein unbedarftes Individuum vermutlich normal-positive Gefühle bezüglich sportlicher Aktivität, während eine traumatisierte Person, die z. B. als Kind im Sportunterricht gehänselt wurde, lauter negative Emotionen verspürt, sobald sie mit sportlicher Aktivität konfrontiert ist – die Emotionen sind nicht mehr „natürlich“ sondern „individuumshistorisch“ assoziiert.

Die Ebene der Sozialisation „nimmt nun Stellung“ zu diesen Antrieben als Ort der vor allem frühkindlich geprägten Werte und Normen und kann vor allem Antriebe zu einem gewissen Grad hemmen und kanalisieren. Sie steht dabei in Wechselwirkung zum Vorbewusstsein und Bewusstsein.

Letztlich entsteht aus diesen aufsteigenden Verwebungen der Ebenen im Kontext der Situation und Erinnerung eine Handlungsplanung im Sinne von Entscheidungen und Durchführung von Kommunikation, körperlicher Einwirkung und der finanziellen und / oder energetischen Beauftragung von Dritten oder Maschinen.

Modulation der Kernfunktionalität

Vorwiegend die emotional-affektive Ebene ist der Sitz der „Schaltung“ / „Regelung“ der Modulation der Kernfunktionalität über sogenannte Neuromodulatoren (Noradrenalin-, Serotonin-, Dopamin- und Acetylcholinsystem). Die folgenden Darstellungen folgen Roth (2017).

Noradrenalin moduliert grob mit Erhöhung Stress, Angst und Aggression und mit Verminderung Abgrenzung und Rückzug.

Serotonin moduliert grob mit Erhöhung Dämpfung, Beruhigung und Antriebsarmut und mit Verminderung Unruhe und Angst.

Dopamin moduliert grob mit Erhöhung motorischen Antrieb, Belohnungserwartung, Kreativität, Neugierde und Impulsivität und mit Verminderung Phantasiearmut und Antriebsarmut.

Acetylcholin moduliert grob mit Erhöhung Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit und mit Verminderung Aufmerksamkeitsarmut und Lern- und Gedächtnisfunktionsreduktion.

Meines Erachtens hängen Neuromodulation und Stimmungen zusammen. Stimmungen bilden sich über Emotionen, die sich häufen (Vgl. Gerring [2015]), und können deswegen eventuell über Selbstregulation mitbeeinflusst werden.

Ein Ökonom betrachtet vor allem Nutzen und Unnutzen oder Güter und Ungüter. Ausgehend von einem gesunden Niveau der Neuromodulatoren und einer gesunden Schwankungsbreite gelten also eine Reduktion von Noradrenalin, eine Erhöhung von Serotonin, eine Erhöhung von Dopamin und eine Erhöhung von Acetylcholin als nützlich, während die gegenläufige Schwankung zur Wachzeit wohlfahrtsmindernd ist. Ideal wäre eine situationsangemessene Adaption, also z. B. eine Dopaminerhöhung bei durchführung eines Brain Stormings.

Bemerkenswerte innere Konzepte

Verinnerlichte Normen, der Selbstwert und Dissonanz gegenüber dem Selbstwert, aber auch emotionale, kognitive und materielle Bindungsursachen, erscheinen mir als bemerkenswerte psychologische Konzepte.

Der Selbstwert und dessen Erhaltung bei Dissonanz ist eine zentrale psychodynamische Aufgabe des Menschen (Vgl. Gerring [2015]) und im Kontext sozialer Interaktion wird dieser Vorgang stark durch soziale Normen beeinflusst (Vgl. Aronson, Wilson und Akert [2014]). Die Auflösung kognitiver Dissonanz erfolgt vorwiegend durch attributive Tricks anstatt durch Änderung des betreffenden Verhaltens, es sei denn es entsteht durch heftige Kontrastierung ein intensiver Impuls sich zu ändern, um mit sich zufrieden sein zu können (Vgl. Gerring [2015]).

Bindungsursachen setzen für gewöhnlich an positiven Gefühlen an (emotionale Bindungsursachen), die durch positive Kognition und Verständigung beeinflusst werden (kognitive Bindungsursachen), die wiederum nach Beleuchtung materieller Vorteile einer Beziehung beeinflusst werden (materielle Bindungsursachen). Diese Kategorie trifft sich sehr gut mit der ökonomischen Betrachtung von Nutzen zusammen, soll er Beziehungen begründen und stabil halten. Es wird insbesondere ersichtlich, das Bindung direkt emotional und indirekt kognitiv-materiell ist. Sie können also z. B. materiell erst Bindung stärken, wenn es kognitiv positiv emotionalisierend wird und diese Emotion mit Ihnen verknüpft wird – reich sein alleine ist kein Garant 🙂 .

Zwischenfazit – Individuum

Wir halten fest, dass Individuen über Kommunikation, Körperliches und Beauftragung durch Ressourcen aufeinander einwirken. Und zwar entsprechend einer Handlungsplanung die auf Wollens- und Vermeidensantrieben im Kontext der erinnernden situativen Bewertung und der über Sozialisation erlernten Werte und Normen hervorgeht.

Diese Kernfunktionalität der Handlungsplanung erfolgt moduliert durch Neuromodulatoren. Ähnlich einer Stimmung bewirken Neuromodulatoren Beruhigung (Noradrenalin, Serotonin), Impulsivität und Kreativität (Dopamin) und Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit und Gedächtnisfähigkeiten (Acetylcholin) positiv oder eben Stress (Noradrenalin, Serotonin), Verhaltensstarre (Dopamin) und verminderte Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit und Gedächtnisfähigkeiten (Acetylcholin).

Psychologisch zentral ist der Selbstwert und dessen konstruktive bzw. kaschierende Erhaltung sowie der Zusammenhang materieller und kognitiver Bindungsursachen auf emotionale Bindungsursachen, der sagt, dass eine „Intervention“ auch emotional ankommen und verknüpft werden muss, um Bindungswirkung zu entfalten.

Bilaterale Beziehung

Als Ökonom – das habe ich schon angedeutet – geht es grob um eine Unterteilung in Nutzen und Unnutzen, bevor der Spaß anfängt und wir unsere Arbeit machen können. Im Kern versuchen wir – und das sagen die Psychologen recht ökonomisch – vier positive Beziehungserfahrungen pro negativer Beziehungserfahrung mindestens zu realisieren, um eine Beziehung stabil zu halten (Vgl. Gerring [2015]).

Aber Beziehungen sind Wechselspiele und Wechselspiele unterliegen Dynamiken. Sobald wir systemisch über Dynamiken nachdenken, freuen wir uns über Positivspiralen (solange sie gesund bleiben) und fürchten uns vor Negativspiralen, denn Negativspiralen zerstören uns recht schnell die Nicht-Zu-Häufig-Negativ-Beziehungsbilanz. Eine kritische Negativdynamik ist Entwertung oder Gewöhnung.

Als erstes möchte ich den typischen Beziehungsgesamtnutzen unter Betrachtung von Entwertung modellieren, dann möchte ich die Beziehungserwartung als Entscheidung für einen Beziehungswechsel modellieren und zuletzt möchte ich nochmal über Spiralen nachdenken.

Beziehungsgesamtnutzen und Entwertung

Meiner Erfahrung nach, beginnt eine Beziehung mit Interesse. Im Falle von Intimbeziehungen nennt man dies auch Verschossenheit. Mit der Zeit bildet sich etwas recht konstantes, das man Liebe oder Bindung nennt. Positiverfahrungen bzw. Nutzen gibt es zweierlei: Das eine sind klassische Positiverfahrungen, das andere sind Investitionen, die regelmäßig nach Realisation immer wieder Positiverfahrungen bewirken. Letztere und eventuell das Bindungsgefühl unterliegen vermutlich einer Entwertung mit der Zeit. Ganz allgemein existiert auch ein sogenannter Reservationspreis, also wenn der Beziehungsgesamtnutzen unter diese Schwelle fällt, dann rentiert sich die Beziehung im Kontext der Wechselmöglichkeiten nicht mehr. Weiterhin nehme ich an, dass insbesondere in der Anfangsphase mehr Konflikte erwachsen als ganz am Anfang (Unbedarftheit) und im späteren Verlauf der Beziehung (Konfliktklärung).

Entsprechend der Entwertung sieht man, dass der Beziehungsgesamtnutzen entweder mit der Liebe zusammenfällt (keine Investition und Entwertung) oder mit der Investition steigt (mit Investition und ohne Entwertung) oder unter den Reservationspreis fällt (mit Entwertung) – es gibt also keine ewigen Beziehungen, wenn die Entwertung zu stark ist.

Weiterhin sieht man, dass die Reibung bzw. Konflikte über dem Gesamtnutzen liegen können, sodass es zu einer Trennung wegen Konflikten kommen kann.

Ewige Beziehungen wären unter Annahme realistischer Entwertung der Investitionen vor allem möglich, wenn sich das Bindungsgefühl bzw. die Liebe nicht entwertet.

Beziehungswechselentscheidung

Wenn ich den Nutzen einer Beziehung für eine(n) Beziehungspartner*In grob einteile, dann gibt es zunächst ökonomische Bindungsursachen, wie Spezialisierung, Kostendegression und Skaleneffekte, also meine Lebensaufwände sinken durch die Arbeitsteilung und Mengeneffekte des Zusammenschlusses. Weiterhin gibt es den Nutzen der Bindung, also die der Gemeinschaftlichkeit erwachsenden Positiverfahrungen. Und es gibt Unnutzen, wie Selbstbeschränkung, Aufwand für Kompromissfindung und entgangener Beziehungswechselnutzen.

Alle diese Nutzen und Unnutzen sind zu einem Entscheidungspunkt für die jeweiligen Alternativen diskontiert über die Zeit / Planungsperiode aufzusummieren. Das mathematische Ergebnis heißt Kapitalwert und die Option mit dem höchsten Kapitalwert sollte gewählt werden bzw. würde sich bei der Wahl unter reiflichem Begutachten der Entscheidungssituation durchsetzen.

Diese Betrachtung bietet folgende Eingriffsoptionen: Man kann sich von vorneherein eine(n) Partner*In suchen, der insbesondere über eine komplementäre Spezialisierung verfügt, man kann in Bindungsnutzen investieren und Wert füreinander versuchen zu schöpfen und man kann Freiheit gewähren, Kompromissfindung vereinfachen, also insbesonder z. B. Aggression managen. Es hilft auch, wenn man sich abgesehen von der Spezialisierung ähnlich ist und wenn die Lebensrisiken, wie z. B. der Arbeitsplatz, möglichst unkorreliert sind.

Weniger naheliegend und etwas komplizierter ist die Erwägung, sich klarzumachen, dass Beziehungswandel über Konflikte vonstatten geht, sodass ein gewisses Konfliktpotential auch innovative Dynamiken in die Beziehungen bringt. Können solche Konflikte bewältigt werden, bleibt die Beziehung eventuell interessanter.

Beziehungsspiralen

Kommen wir nach all der Beziehungsökonomie erstmal zu etwas positivem: Positivspiralen. Ein Beispiel für eine Positivspirale:

Sie malen gerne und wären gerne ein guter Maler, während Ihr Partner gerne möglichst originale Gemälde berühmter Künstler in der Wohnung hängen hätte. Zusammen investieren sie in Malausrüstung und malen. Manchmal – sie wollen ja lernen – fälschen Sie ein Original. Mit der Zeit werden Sie immer besser und Ihr Partner hat immer mehr und immer bessere „Originale“, an denen er / sie sich erfreuen kann. Wir sehen einen wichtigen Faktor für Positivspiralen, das Lernen.

Positivspiralen sollten irgendwie konvergieren. Eine Spirale, wie für jeden Kuss kriegt der / die Partner*In zwei sollte z. B. irgendwann wieder unterbrochen werden 🙂 .

Kommen wir nun zum Grauen des ökonomischen Beziehungsführers, den Negativspiralen. Hier gleich ein Beispiel:

Sie gehen halt manchmal fremd und insbesondere, wenn es in der Beziehung nicht gut läuft und irgendwie fliegt das immer auf bzw. nimmt die unangenehme Spannung in der Beziehung zu, wenn sie fremdgehen. Ausgelöst durch eine relativ normale Beziehungskrise, finden sie sich relativ schnell in einer neuen Beziehung, sofern sie nichts an ihrem Vorgehen grundsätzlich ändern. Wir sehen das Negativspiralen darauf basieren den Auslöser problematischen Verhaltens zu replizieren.

Negativspiralen sollten bestenfalls beendet werden, indem das grundsätzliche Muster durchbrochen wird, konvergieren aber meistens gegen regelmäßige Eskalationen bis hin zur Trennung. Ein besonders präkeres Muster bildet die sogenannte Rache, die sich im Zweifel bis hin zu enormen Schäden und Gewalt aufschaukelt. Das geht soweit, dass ich von Beziehungen mit rachsüchtigen Menschen relativ grundsätzlich abrate – sie sind nicht beziehungsfähig.

Exkurs: Beziehungsarten nach Sexualität

Den folgenden Ausführungen werden folgende Annahmen zugrunde Gelegt: eine Testosteronschwemme in der Embryonalentwicklung eines genetischen Mannes erzeugt eine Penisgenitalentwicklung, die eine Prinzipienorientierung unter anderem hervobringt, der eine Abstimmungsorientierung bei Vulvagenitalentwicklung gegenübersteht und „Sex“ ist ein nicht auf Geschlechtsverkehr reduzierter Vorgang mit folgendem ideellen Phasenmodell:

  1. Kontaktphase: Problemlösung (psychisch und körperlich).
  2. Kontaktphase: Annäherung und Synchronisation.
  3. Geschlechtsverkehr:
    1. Oraler Verkehr,
    2. Genitaler Verkehr,
    3. Erogene Zonen befriedigen und
    4. Phantasien.
  4. Bindungsphase:
    1. Entspannung (sexueller und bindungsbezogener Stress),
    2. Beruhigung (stressreduzierende Reaktionen) und
    3. Bindungskonditionierung (gemeinsames Glück).

Natürlich vermehrungsfähige Beziehungen

In zentraler Approximation bestehen Bindungsunterschiede (hirnmännlich = prinzipienorientiert, hirnweiblich = abstimmungsorientiert) und Genitalunterschiede (genetisch weiblich bzw. genetisch männlich mit Vulvaentwicklung, genetisch männlich mit Penisgenitalentwicklung), die sich in einer Vulvawesen-Zyklizität neurochemischer und somatosensorischer Art sowie in Penisgenitalwesen-Themen wie erhöhter sexueller Begirde, Öffentlichkeit der Errektion und gesteigerter Aggressivität (eventuell Emotionalität) äußern. Positive Bindungserfahrungen erfolgen also über Abstimmungen entsprechend des Zyklus der Vulvawesen und müssen prinzipiell tragbar erscheinen (Penisgenitalwesen).

Lesbische Beziehungen

Lesbische Beziehungen, unter Annahme von unsynchronisierten Zyklen erweisen sich als besonders Introspektions- bzw. Hineinversetzungsfähig und beidseitig abstimmungsorientiert, lassen jedoch prizipielle Betrachtungen der Beziehung eher außenvor.

Schwule Beziehungen

Schwule Beziehungen erweisen sich als besonders sexualisiert und prinzipiengerichtet, lassen jedoch eventuell Abstimmungen (emotionaler Art) ein wenig unberücksichtigt.

Beziehungen mit Komplikationen der Genitale

Beziehungen mit Komplikationen der Genitale sind insbesondere wenig Bindungsbildend, wenn keine Orgasmen möglich sind. Eine entsprechende z. B. medikamentive Oragsmik, könnte normale Bindungen ermöglichen.

Zwischenfazit – bilaterale Beziehungen

Wir haben gesehen, dass die klassischen Gründe für Trennungen entweder das Konfliktniveau relativ am Anfang des näheren Kennenlernens ist, eine andere Alternative für mindestens einen Beziehungspartner lohnenswerter erscheint, eine Negativspirale die Beziehung zerlegt oder die Entwertung der Beziehung selbst bei wenig Alternativen den Beziehungsnutzen unter ein Niveau fallen lässt, der für eine Beziehung erforderlich wäre. Ohne Konflikte sind Beziehungen aber nicht zu denken: Konfliktmanagement ist eine zentrale Aufgabe vernünftiger Beziehungsführung!

Wir haben auch gesehen, dass positive Wechselwirkungen – also idealerweise Spiralen – vor allem über Lerneffekte funktionieren. Dies erlaubt eine zunehmend bessere Adaption an den Nutzen des/der Beziehungspartners*In und ist aufgrund des eigenen Nutzenprofils selbstverstärkend konfiguriert.

Zusammengenommen halte ich es für sinnvoll nach Positivdynamiken miteinander ausschau zu halten und hierin zu investieren, sowie grundsätzliche beziehungsfeindliche Muster am besten möglichst früh fundamental selbst zu ändern, um sich als einfach handhabbarer Beziehungspartner zu etablieren.

Netzwerke

Die Minimalmodelle von Netzwerken nenne ich Galaxie-Modell und Ring-Modell.

Im Galaxie-Minimalmodell sind zwei Individuen, die eine Beziehung unterhalten, mit einem Dritten Individuum beide in einer Beziehung, also z. B. eine Intimpartnerschaft mit einem gemeinsamen Freund einer gemeinsamen Freundin. Es heißt deswegen Galaxie-Modell, weil jedes Element mit jedem anderen Element über eine Beziehung verknüpft ist, wie die Galaxie über die Gravitation.

Im Ring-Minimalmodell sind zwei in Beziehung befindliche Individuen mit jeweils einem anderen Individuum in Beziehung, und diese anderen Individuen unterhalten eine Beziehung miteinander – man könnte es Vierecksmodell nennen. Das Ringmodell unterscheidet sich vom Galaxiemodell darin, dass gewisse Individuen jeweils nur aus mindestens zweiter Hand erreicht werden.

Ein normales Netzwerk besteht für gewöhnlich aus Kontakten erster Hand und Kontakten zweiter Hand und gruppiert sich in nähere Galaxien und Ringbeziehungen. Das wollte ich Beschreiben um das von mir sogenannte Bridging zu beleuchten:

Treten z. B. zwei Intimpartner*Innen in eine Beziehung, haben diese für gewöhnlich Galaxieartige enge Netzwerke, wie ihre Familie, mit weitreichendem (historischen) Einfluss auf ihre Persönlichkeit und Entscheidungen, die über diese zwei Partner*Innen weitgehend ringartig miteinander „gebridged“ werden. Die jeweiligen Netzwerke mit ihren jeweiligen Kulturen treten also über die Intimpartner*Innen in Verbindung. Dies hat z. B. zu Folge, dass kulturelle Differenzen eher innerhalb der Beziehung bearbeitet und dann durch die Intimpartner*Innen vermittelt werden. So entstehen z. B. Konfliktdynamiken zwischen den Kulturen bzw. Netzwerken innerhalb der „Bridge“ und die Individuen dieser „Bridge“ werden in eine innovative Dynamik verwickelt, diese Konflikte zu lösen bzw. zu balancieren (Vgl. Konfliktmanagement).

Weitere Netzwerkeffekte liegen darin, dass Dritte Einfluss auf Beziehungspartner*Innen ausüben, der beziehungsförderlich oder beziehungskritisch sein oder werden kann, während man meist in mehrere Wechselwirkungen verwickelt wird, um alle beteiligten direkt oder indirekt zu erreichen. Hier spielen Vertrauenszusammenhänge eine große Rolle, sollen Individuen in einem Netzwerk sozial erreicht werden – manchmal kann es z. B. in einem Konflikt zielführender sein über einen Dritten auf einen anderen einzuwirken, der als Korrektiv und Vertrauensperson agiert.

Zwischenfazit – Netzwerke

In Netzwerken treffen Kulturen über Bridging aufeinander bevor sie eventuell „verschmelzen“ und es treten komplexe einflussreiche Wechselspiele zwischen Ring- und Galaxie-Strukturen auf, die man auch versuchen kann konstruktiv zu gestalten.

Fazit

Die grausame Wahrheit ist, dass gewöhnlich mit jeder neuen Beziehung ein Bridging stattfindet, das kulturelle Konflikte in Beziehungen bringt, und neben diesen Belastungen etliche Gefahren für Negativdynamiken angelegt sein können, während wir – das glauben wir den Psychologen – viermal mehr Positiverfahrungen brauchen, als wir uns Negativerfahrungen leisten können. Diese Ganzen Konflikte kumulieren sich relativ kurz nach Eingang der Beziehung und können in einen Zeithorizont nach der Dominanz des Interesses bzw. der Verschossenheit fallen – hier scheitern viele Beziehungen.

Positiv jedoch ist, dass wir durch das komplexe Wechselspiel und auch die Konflikte in innovative und aufregende Dynamiken kommen, deren Bewältigung Grundlage für kulturelle Verständigung bilden dürfte und unsere persönliche Reife befördert.

Können wir genug Positivdynamiken herbeiführen, erfüllen wir Menschen ein zentrales Bedürfniss nach guten Beziehungen und steigern unsere Lebenszufriedenheit massiv. Hierbei geht es vor allem um Emotionen, die wir versuchen über Kommunikation, Körperlichkeit und Beauftragung über Ressourcen bindungsförderlich zu konfigurieren.

Referenzen:

Aronson, Wilson und Akert (2014) - Sozialpsychologie - 8. Auflage

Gerring (2015) - Psychologie - 20. Auflage

Roth (2017) - Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten - 12. Auflage



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