Situative Kompetenz

Das in diesem Blog entwickelte Menschenbild ist frühkindlich-genetisch-situativ (Vgl. Homo Ökonomikus und Kontrafaktisches Schlussfolgern und generalisiertes Vertrauen). Es lässt sich grob wie folgt zusammenfassen:

Wir sind durch unsere Werte geprägt, die wir in (schwierigen) Situationen zu realisieren suchen. Dabei lenkt die Situation mit ihren sozialen Normen und auftretenden Emotionen uns aus. Weiterhin spielen genetische Prädispositionen z. B. in bevorzugten Intelligenzen eine wesentliche Rolle dabei, wie wir uns Situationen erschließen. Im allgemeinen haben wir dabei Bereiche in denen wir uns kognitiv vertieft haben, in denen wir kompetenter handeln können, als in den Bereichen, die für unser Leben nicht so maßgeblich waren.

So treffen z. B. vorwiegend Frauen mit feministischer Reflektion auf vorwiegend Männer die in Naivität über Frauenemanzipation bei heutzutage rechtlicher Gleichstellung der Frauen leben oder ein / eine Maschinenbauer*In mit vorwiegend technischer Reflektion trifft auf einen / eine Sozialwissenschaftler*In mit diskursbasierter Reflektion. Es ist erwartbar, dass die jeweiligen Reflektionen bzw. deren Ausbleiben ganz unterschiedliche Kompetenz in den jeweiligen Bereichen hervorbringt. Dabei können wir uns vermutlich nicht vollkommen gegenseitig emanzipieren und es bleibt Vertrauen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung notwendig.

Optimierungsmodell

Modelle der Optimierungstheorie, wie der Homo Ökonomikus, betreffen eher mittel- bis langfristige Dynamiken in den reflektierten Bereichen, da komplizierte parametrisierte Optimierungsmodelle relativ beschränkter situativer Leistungsfähigkeit des Menschen gegenüberstehen. Erst mit der Zeit und Reflektion handhaben Menschen solche Optimierungen. Dieses Konvergieren gegen Optimierungsmodelle ist eine zentrale Annahme, die den wesentlichen normativen Gehalt der Optimierungstheorie ausmacht, aber grundsätzlich ist die Optimierungstheorie wertneutral und erst die Modellierung und Parametrisierung erzeugt normativen Gehalt.

In vielen Debatten zwischen z. B. Ökonomen und Sozialwissenschaftlern, wird nicht offenbar, dass Ökonomen, wenn sie sprachlichen Ausdruck verwenden, sich häufig auf mathematische Modelle beziehen. Deswegen möchte ich versuchen – auch wenn es das Niveau etwas verkompliziert – mein Optimierungsmodell, das ich sprachlich erläutere, zu explizieren:

(1)   \begin{equation*} \begin{split} \begin{align*} & Max! U = \sum_{t=1}^{T} (\frac{\splitfrac{ ( \sum_{i=1}^{I(t)} (u_{ego,i,t}-k_{Durchsetzung,i,t})*a_{i,t} }{ + \sum_{j=1}^{J(t)} (u_{emp,j,t}-k_{Verzicht,j,t})*a{j,t}}} {(1+r)^t}) \\ & unter Beachtung der Nebenbedingungen: \\ & \sum_{i=1}^{I(t)} (a_{i,t})+ \sum_{j=1}^{J(t)} (a_{j,t}) = 1 \forall t \in T \\ & a_{i,t}, a_{j,t} \in {0,1} \forall i,j \in I(t),J(t) \forall t \in T \\ & u_{ego,i,t}, k_{Durchsetzung,i,t} >= 0 \forall i \in I(t) \forall t \in T \\ & u_{emp,j,t}, k_{Verzicht,j,t} >= 0 \forall j \in J(t) \forall t \in T \\ \end{align*} \end{split} \end{equation*}

Dieses Optimierungsmodell ist ein sogenanntes Knapsackproblem in diskreter Zeit und beschreibt, dass ein Entscheidungsträger in sozialer Situation zwischen der Durchsetzung seiner eigenen Interessen u_{ego} (egoistischer Nutzen) und seinen Interessen sich beziehungsförderlich zu verhalten u_{emp} (empathischer Nutzen) so entscheidet, dass sich höchster Gesamtnutzen über die Entscheidungsperioden ergibt. Dabei wird Nutzen weiter in der Zukunft mit einer Kurzfrist-Zeitpräferenz diskontiert. D. h. gleicher Nutzen heute ist wichtiger als in der Zukunft – menschen sind eher kurzsichtig.

Die Lösung dieses Modells ist es, in jeder Entscheidungsperiode die Option höchsten Nutzens zu wählen, wobei der Nutzen sich aus dem Nutzen und den Kosten einer Alternative zusammensetzt. Also entweder egoistischer Nutzen mit den Kosten seiner Durchsetzung oder empathischer Nutzen mit den Kosten eines eventuellen Verzichts.

Hier erkennt man, dass das Modell noch sehr allgemein ist und z. B. keine Nebenbedingungen für moralische Schranken enthält. So sollte man z. B. eine Nebenbedingung einführen, die nur moralische Handlungen überhaupt zulässt oder in die Zielfunktion einen moralischen Nutzen oder Schaden aufnehmen. Dies ist mir sehr wichtig aufzuzeigen, dass der normative Gehalt der Optimierungstheorie sich erst in der Modellierung und Parametrisierung zeigt, während die grundsätliche Optimierungstheorie wertneutral ist.

Was ist situative Kompetenz?

Situative Kompetenz bezeichnet es, seine eigenen Werte in gegebenen Situationen durchzusetzen, also in innerer Konsistenz mit seinen Werten zu handeln. Dieses wertegerechte Handeln ist eine Quelle von Nutzen. Eine andere Quelle von Nutzen sind einige Emotionen und eventuell Kognition, die aus dem situativen Kontext erwachsen – so kann man z. B. emotional verführt sein, gegen seine Werte zu handeln oder Spaß an einer intellektuellen Betätigung, wie einer Diskussion, haben. Auf der Seite des Unnutzens stehen gleichermaßen Werteeinschränkungen und Aufwände durch einige Emotionen und Kognition.

Diese positiven und negativen Emotionen, die sich gegen unsere Werte richten, können später zu Dissonanz führen – wir bereuen dann etwas getan zu haben, was uns im Moment des Handelns positiv vorkam.

Situative Kompetenz bedeutet also zum einen die ganzen Optionen von egoistischem und empathischen Nutzen sowie deren Durchsetzungs- und Verzichtskosten zu kennen bzw. zu erheben und das ganze in einer Zeitdynamik zu antizipieren. Gemessen an unserer Verarbeitungskapazität als Menschen mit z. B. fünf bis sieben Arbeitsgedächtniseinheiten stoßen wir dabei stark an unsere Grenzen und können situativ-spontan nur heuristisch vorgehen.

Aber wir lernen mit jeder Reflektion von sozialen Situationen diese Heuristik auf wahrscheinliche Konstellationen zu fokussieren, also z. B. wichtigen unbekannten empathischen oder egoistischen Nutzen zu berücksichtigen oder die Kosten des Verzichts und der Durchsetzung retrospektiv einzuschätzen. Wir bilden so ein fundament an emotionaler Konditionierung und Sozialisation im Wechselspiel mit unseren inneren Bedürfnissen.

Mit der Zeit entwickeln wir also situative Kompetenz durch Reflektion von erfahrenen oder antizipierten sozialen Situationen.

Was können wir über grundsätzliche Elemente der situativen Kompetenz lernen?

Die analytische Beschreibung der Situationserfordernisse in einem moralischen Optimierungsmodell zeigt ein paar grundlegende Hebel für situative Kompetenz auf.

Selbstregulation hat z. B. einen enormen Vorteil in der situativen Kompetenz, da sie zum einen die Verzichtskosten reduzieren, aber auch die Werte herauskristallisieren hilft (Vgl. Selbstregulation). Genauso wirkt eine Beschäftigung mit Moral und moralischen Dilemata antizipatorisch vorbereitend, um gewisse Optionen, die als Impuls auftreten, sofort auszuschließen. Aber auch eine gute Ausbildung in angemessener Konfliktdurchsetzung und Kommunikation (Vgl. Konfliktmanagement sowie Menschen groß machen und Wissensmanagement) reduziert die Durchsetzungskosten für alle beteiligten und eine intensive Beschäftigung mit Kooperationsnutzen (Vgl. Kooperationsmanagement) hilft empathischen Nutzen genauer zu bestimmen.

Fazit

Ein modernes Menschenbild erfordert situative Kompetenz, um entsprechend seiner Werte auch gegen Widerstand zu leben.

Situative Kompetenz erfordert seine Werte zu kennen und seine Emotionen handhaben zu können (Vgl. Selbstregulation), sich bei Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen (Vgl. Positives Denken), Kenntnis guter Strategien in Kooperation und Konfliktlösung (Vgl. Kooperationsmanagement und Konfliktmanagement) sowie Kommunikationskompetenzen (Vgl. Menschen groß machen und Wissensmanagement).

Um überhaupt amoralische Handlungen rechtzeitig erkennen zu können, ist eine Auseinandersetzung mit Moral und moralischen Dilemata erforderlich, während eine Adaption ansonsten über negative und positive Erfahrung erfolgt. Wir entwickeln also durch unsere Reflektionsarbeit (Vgl. Kontrafaktisches Schlussfolgern und generalisiertes Vertrauen) und Antizipationsarbeit (Vgl. Integration) eine Intuition, die uns in den Situationen hilft Vorteilhaft zu handeln.

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Beziehungen

Willkommen in der Welt eines psychologisch vorgebildeten Ökonomen, der versucht zwischenmenschliche Beziehungen zu erfassen. Wir Ökonomen zerpflücken reale Prozesse und Entscheidungssituationen in analytischen Modellen und lernen systemisch zu denken – die akkrebie unserer Betrachtungen ist herrlich weltfremd und dann doch pragmatisch: Es ist immer ein bisschen peinlich sich als Ökonom zu “öffnen”.

Ich möchte in diesem Artikel mit Charakterisierungen von Individuen beginnen, die in bilaterale systemische Wechselspiele verwickelt sein wollen, die wiederum in Netzwerkzusammenhängen auftreten und für diese drei Entwicklungsstufen einer systemischen Betrachtung approximative Modellierungen wagen. Ziel ist es Hebel für die Beziehungsführung zu identifizieren. Das Unterfangen ist so komplex, dass ich am Anfang meiner Betrachtung noch nicht weiß, was am Ende dieses Artikels herausgekommen sein wird – ich kann es nicht antizipieren. Begleiten Sie mich auf dieser Reise?

Individuen

Individuen weisen m. E. eine Kernfuktionalität auf, Modulation der Kernfunktionalität und bemerkenswerte innere Konzepte.

Kernfunktionalität

So komplex Individuen auch sind, sie haben eigentlich nur wenige Einwirkungsmöglichkeiten auf ihre Umgebung: sie können kommunizieren, körperlich einwirken und Dritte sowie Maschinen finanziell oder energetisch beauftragen. Dieses Handlungspotential ist verwoben, so besteht ein typischer Beziehungsakt z. B. aus einem Wein- und Käsekonsum mit einer Unterredung und körperlicher Zärtlichkeit und Sexualität.

Die Innenwelt eines Individuums besteht eigentlich aus Emotion & Affekt, emotionaler Konditionierung, Sozialisation und gewohnter bzw. bewusster Handlungsplanung auf deren aufsteigende Verwebung interne Kommunikation (vorbewusste und bewusste Gedanken sowie bewusste Gefühle) sowie externe Kommunikation (verbale, non-verbale und körperliche Kommunikation) einwirkt. Vgl. Roth (2017).

Emotional und affektiv gibt es Wollens- und Vermeidensantrieb. Im Bereich des Wollensantriebs tretten die Affekte Hunger, Durst und sexuelle Lust sowie die Emotionen Freude, Interesse und Liebe, aber auch Wut auf. Im Bereich des Vermeidensantriebs tretten der Affekt Schmerz und Aufregung und die Emotionen Angst, Ekel, Scham und Trauer auf. Die Zuordnung richtet sich nach dem unbearbeiteten Antrieb, so kann z. B. ein Vermeidensantrieb Trauer letztlich in einen Wollensantrieb überführt werden, wenn der Verlust abstrahiert und als anstrebenswerte persönliche Wichtigkeit motivational aufgefasst wird (Vgl. weiterführend Selbstregulation). Roth (2017) sieht diese Ebene des Unbewussten zusammen mit der emotionalen Konditionierung als den Ursprung unserer Gehirnprozesse in der Persönlichkeitsbildung.

Die emotionale Konditionierung speichert subjektive Erfahrungen unseres Lebens und schätzt basierend auf diesem emotionalen Gedächtnis unsere Situationen ein. So setzt die Ebene der emotionalen Konditionierung im Wesentlichen auf der Ebene der Emotionen und Affekte auf, bringt aber eine situative Komponente in diese Wechselwirkung mit ein. Z. B. hätte ein unbedarftes Individuum vermutlich normal-positive Gefühle bezüglich sportlicher Aktivität, während eine traumatisierte Person, die z. B. als Kind im Sportunterricht gehänselt wurde, lauter negative Emotionen verspürt, sobald sie mit sportlicher Aktivität konfrontiert ist – die Emotionen sind nicht mehr “natürlich” sondern “individuumshistorisch” assoziiert.

Die Ebene der Sozialisation “nimmt nun Stellung” zu diesen Antrieben als Ort der vor allem frühkindlich geprägten Werte und Normen und kann vor allem Antriebe zu einem gewissen Grad hemmen und kanalisieren. Sie steht dabei in Wechselwirkung zum Vorbewusstsein und Bewusstsein.

Letztlich entsteht aus diesen aufsteigenden Verwebungen der Ebenen im Kontext der Situation und Erinnerung eine Handlungsplanung im Sinne von Entscheidungen und Durchführung von Kommunikation, körperlicher Einwirkung und der finanziellen und / oder energetischen Beauftragung von Dritten oder Maschinen.

Modulation der Kernfunktionalität

Vorwiegend die emotional-affektive Ebene ist der Sitz der “Schaltung” / “Regelung” der Modulation der Kernfunktionalität über sogenannte Neuromodulatoren (Noradrenalin-, Serotonin-, Dopamin- und Acetylcholinsystem). Die folgenden Darstellungen folgen Roth (2017).

Noradrenalin moduliert grob mit Erhöhung Stress, Angst und Aggression und mit Verminderung Abgrenzung und Rückzug.

Serotonin moduliert grob mit Erhöhung Dämpfung, Beruhigung und Antriebsarmut und mit Verminderung Unruhe und Angst.

Dopamin moduliert grob mit Erhöhung motorischen Antrieb, Belohnungserwartung, Kreativität, Neugierde und Impulsivität und mit Verminderung Phantasiearmut und Antriebsarmut.

Acetylcholin moduliert grob mit Erhöhung Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit und mit Verminderung Aufmerksamkeitsarmut und Lern- und Gedächtnisfunktionsreduktion.

Meines Erachtens hängen Neuromodulation und Stimmungen zusammen. Stimmungen bilden sich über Emotionen, die sich häufen (Vgl. Gerring [2015]), und können deswegen eventuell über Selbstregulation mitbeeinflusst werden.

Ein Ökonom betrachtet vor allem Nutzen und Unnutzen oder Güter und Ungüter. Ausgehend von einem gesunden Niveau der Neuromodulatoren und einer gesunden Schwankungsbreite gelten also eine Reduktion von Noradrenalin, eine Erhöhung von Serotonin, eine Erhöhung von Dopamin und eine Erhöhung von Acetylcholin als nützlich, während die gegenläufige Schwankung zur Wachzeit wohlfahrtsmindernd ist. Ideal wäre eine situationsangemessene Adaption, also z. B. eine Dopaminerhöhung bei durchführung eines Brain Stormings.

Bemerkenswerte innere Konzepte

Verinnerlichte Normen, der Selbstwert und Dissonanz gegenüber dem Selbstwert, aber auch emotionale, kognitive und materielle Bindungsursachen, erscheinen mir als bemerkenswerte psychologische Konzepte.

Der Selbstwert und dessen Erhaltung bei Dissonanz ist eine zentrale psychodynamische Aufgabe des Menschen (Vgl. Gerring [2015]) und im Kontext sozialer Interaktion wird dieser Vorgang stark durch soziale Normen beeinflusst (Vgl. Aronson, Wilson und Akert [2014]). Die Auflösung kognitiver Dissonanz erfolgt vorwiegend durch attributive Tricks anstatt durch Änderung des betreffenden Verhaltens, es sei denn es entsteht durch heftige Kontrastierung ein intensiver Impuls sich zu ändern, um mit sich zufrieden sein zu können (Vgl. Gerring [2015]).

Bindungsursachen setzen für gewöhnlich an positiven Gefühlen an (emotionale Bindungsursachen), die durch positive Kognition und Verständigung beeinflusst werden (kognitive Bindungsursachen), die wiederum nach Beleuchtung materieller Vorteile einer Beziehung beeinflusst werden (materielle Bindungsursachen). Diese Kategorie trifft sich sehr gut mit der ökonomischen Betrachtung von Nutzen zusammen, soll er Beziehungen begründen und stabil halten. Es wird insbesondere ersichtlich, das Bindung direkt emotional und indirekt kognitiv-materiell ist. Sie können also z. B. materiell erst Bindung stärken, wenn es kognitiv positiv emotionalisierend wird und diese Emotion mit Ihnen verknüpft wird – reich sein alleine ist kein Garant 🙂 .

Zwischenfazit – Individuum

Wir halten fest, dass Individuen über Kommunikation, Körperliches und Beauftragung durch Ressourcen aufeinander einwirken. Und zwar entsprechend einer Handlungsplanung die auf Wollens- und Vermeidensantrieben im Kontext der erinnernden situativen Bewertung und der über Sozialisation erlernten Werte und Normen hervorgeht.

Diese Kernfunktionalität der Handlungsplanung erfolgt moduliert durch Neuromodulatoren. Ähnlich einer Stimmung bewirken Neuromodulatoren Beruhigung (Noradrenalin, Serotonin), Impulsivität und Kreativität (Dopamin) und Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit und Gedächtnisfähigkeiten (Acetylcholin) positiv oder eben Stress (Noradrenalin, Serotonin), Verhaltensstarre (Dopamin) und verminderte Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit und Gedächtnisfähigkeiten (Acetylcholin).

Psychologisch zentral ist der Selbstwert und dessen konstruktive bzw. kaschierende Erhaltung sowie der Zusammenhang materieller und kognitiver Bindungsursachen auf emotionale Bindungsursachen, der sagt, dass eine “Intervention” auch emotional ankommen und verknüpft werden muss, um Bindungswirkung zu entfalten.

Bilaterale Beziehung

Als Ökonom – das habe ich schon angedeutet – geht es grob um eine Unterteilung in Nutzen und Unnutzen, bevor der Spaß anfängt und wir unsere Arbeit machen können. Im Kern versuchen wir – und das sagen die Psychologen recht ökonomisch – vier positive Beziehungserfahrungen pro negativer Beziehungserfahrung mindestens zu realisieren, um eine Beziehung stabil zu halten (Vgl. Gerring [2015]).

Aber Beziehungen sind Wechselspiele und Wechselspiele unterliegen Dynamiken. Sobald wir systemisch über Dynamiken nachdenken, freuen wir uns über Positivspiralen (solange sie gesund bleiben) und fürchten uns vor Negativspiralen, denn Negativspiralen zerstören uns recht schnell die Nicht-Zu-Häufig-Negativ-Beziehungsbilanz. Eine kritische Negativdynamik ist Entwertung oder Gewöhnung.

Als erstes möchte ich den typischen Beziehungsgesamtnutzen unter Betrachtung von Entwertung modellieren, dann möchte ich die Beziehungserwartung als Entscheidung für einen Beziehungswechsel modellieren und zuletzt möchte ich nochmal über Spiralen nachdenken.

Beziehungsgesamtnutzen und Entwertung

Meiner Erfahrung nach, beginnt eine Beziehung mit Interesse. Im Falle von Intimbeziehungen nennt man dies auch Verschossenheit. Mit der Zeit bildet sich etwas recht konstantes, das man Liebe oder Bindung nennt. Positiverfahrungen bzw. Nutzen gibt es zweierlei: Das eine sind klassische Positiverfahrungen, das andere sind Investitionen, die regelmäßig nach Realisation immer wieder Positiverfahrungen bewirken. Letztere und eventuell das Bindungsgefühl unterliegen vermutlich einer Entwertung mit der Zeit. Ganz allgemein existiert auch ein sogenannter Reservationspreis, also wenn der Beziehungsgesamtnutzen unter diese Schwelle fällt, dann rentiert sich die Beziehung im Kontext der Wechselmöglichkeiten nicht mehr. Weiterhin nehme ich an, dass insbesondere in der Anfangsphase mehr Konflikte erwachsen als ganz am Anfang (Unbedarftheit) und im späteren Verlauf der Beziehung (Konfliktklärung).

Entsprechend der Entwertung sieht man, dass der Beziehungsgesamtnutzen entweder mit der Liebe zusammenfällt (keine Investition und Entwertung) oder mit der Investition steigt (mit Investition und ohne Entwertung) oder unter den Reservationspreis fällt (mit Entwertung) – es gibt also keine ewigen Beziehungen, wenn die Entwertung zu stark ist.

Weiterhin sieht man, dass die Reibung bzw. Konflikte über dem Gesamtnutzen liegen können, sodass es zu einer Trennung wegen Konflikten kommen kann.

Ewige Beziehungen wären unter Annahme realistischer Entwertung der Investitionen vor allem möglich, wenn sich das Bindungsgefühl bzw. die Liebe nicht entwertet.

Beziehungswechselentscheidung

Wenn ich den Nutzen einer Beziehung für einen Beziehungspartner grob einteile, dann gibt es zunächst ökonomische Bindungsursachen, wie Spezialisierung, Kostendegression und Skaleneffekte, also meine Lebensaufwände sinken durch die Arbeitsteilung und Mengeneffekte des Zusammenschlusses. Weiterhin gibt es den Nutzen der Bindung, also die der Gemeinschaftlichkeit erwachsenden Positiverfahrungen. Und es gibt Unnutzen, wie Selbstbeschränkung, Aufwand für Kompromissfindung und entgangener Beziehungswechselnutzen.

Alle diese Nutzen und Unnutzen sind zu einem Entscheidungspunkt für die jeweiligen Alternativen diskontiert über die Zeit / Planungsperiode aufzusummieren. Das mathematische Ergebnis heißt Kapitalwert und die Option mit dem höchsten Kapitalwert sollte gewählt werden bzw. würde sich bei der Wahl unter reiflichem Begutachten der Entscheidungssituation durchsetzen.

Diese Betrachtung bietet folgende Eingriffsoptionen: Man kann sich von vorneherein einen Partner suchen, der insbesondere über eine komplementäre Spezialisierung verfügt, man kann in Bindungsnutzen investieren und Wert füreinander versuchen zu schöpfen und man kann Freiheit gewähren, Kompromissfindung vereinfachen, also insbesonder z. B. Aggression managen. Es hilft auch, wenn man sich abgesehen von der Spezialisierung ähnlich ist und wenn die Lebensrisiken, wie z. B. der Arbeitsplatz, möglichst unkorreliert sind.

Weniger naheliegend und etwas komplizierter ist die Erwägung, sich klarzumachen, dass Beziehungswandel über Konflikte vonstatten geht, sodass ein gewisses Konfliktpotential auch innovative Dynamiken in die Beziehungen bringt. Können solche Konflikte bewältigt werden, bleibt die Beziehung eventuell interessanter.

Beziehungsspiralen

Kommen wir nach all der Beziehungsökonomie erstmal zu etwas positivem: Positivspiralen. Ein Beispiel für eine Positivspirale:

Sie malen gerne und wären gerne ein guter Maler, während Ihr Partner gerne möglichst originale Gemälde berühmter Künstler in der Wohnung hängen hätte. Zusammen investieren sie in Malausrüstung und malen. Manchmal – sie wollen ja lernen – fälschen Sie ein Original. Mit der Zeit werden Sie immer besser und Ihr Partner hat immer mehr und immer bessere “Originale”, an denen er / sie sich erfreuen kann. Wir sehen einen wichtigen Faktor für Positivspiralen, das Lernen.

Positivspiralen sollten irgendwie konvergieren. Eine Spirale, wie für jeden Kuss kriegt der / die Partner*In zwei sollte z. B. irgendwann wieder unterbrochen werden 🙂 .

Kommen wir nun zum Grauen des ökonomischen Beziehungsführers, den Negativspiralen. Hier gleich ein Beispiel:

Sie gehen halt manchmal fremd und insbesondere, wenn es in der Beziehung nicht gut läuft und irgendwie fliegt das immer auf bzw. nimmt die unangenehme Spannung in der Beziehung zu, wenn sie fremdgehen. Ausgelöst durch eine relativ normale Beziehungskrise, finden sie sich relativ schnell in einer neuen Beziehung, sofern sie nichts an ihrem Vorgehen grundsätzlich ändern. Wir sehen das Negativspiralen darauf basieren den Auslöser problematischen Verhaltens zu replizieren.

Negativspiralen sollten bestenfalls beendet werden, indem das grundsätzliche Muster durchbrochen wird, konvergieren aber meistens gegen regelmäßige Eskalationen bis hin zur Trennung. Ein besonders präkeres Muster bildet die sogenannte Rache, die sich im Zweifel bis hin zu enormen Schäden und Gewalt aufschaukelt. Das geht soweit, dass ich von Beziehungen mit rachsüchtigen Menschen relativ grundsätzlich abrate – sie sind nicht beziehungsfähig.

Zwischenfazit – bilaterale Beziehungen

Wir haben gesehen, dass die klassischen Gründe für Trennungen entweder das Konfliktniveau relativ am Anfang des näheren Kennenlernens ist, eine andere Alternative für mindestens einen Beziehungspartner lohnenswerter erscheint, eine Negativspirale die Beziehung zerlegt oder die Entwertung der Beziehung selbst bei wenig Alternativen den Beziehungsnutzen unter ein Niveau fallen lässt, der für eine Beziehung erforderlich wäre.

Wir haben auch gesehen, dass positive Wechselwirkungen – also idealerweise Spiralen – vor allem über Lerneffekte funktionieren. Dies erlaubt eine zunehmend bessere Adaption an den Nutzen des Beziehungspartners und ist aufgrund des eigenen Nutzenprofils selbstverstärkend konfiguriert.

Zusammengenommen halte ich es für sinnvoll nach Positivdynamiken miteinander ausschau zu halten und hierin zu investieren, sowie grundsätzliche beziehungsfeindliche Muster am besten möglichst früh fundamental selbst zu ändern, um sich als einfach handhabbarer Beziehungspartner zu etablieren.

Netzwerke

Die Minimalmodelle von Netzwerken nenne ich Galaxie-Modell und Ring-Modell.

Im Galaxie-Minimalmodell sind zwei Individuen, die eine Beziehung unterhalten, mit einem Dritten Individuum beide in einer Beziehung, also z. B. eine Intimpartnerschaft mit einem gemeinsamen Freund einer gemeinsamen Freundin. Es heißt deswegen Galaxie-Modell, weil jedes Element mit jedem anderen Element über eine Beziehung verknüpft ist, wie die Galaxie über die Gravitation.

Im Ring-Minimalmodell sind zwei in Beziehung befindliche Individuen mit jeweils einem anderen Individuum in Beziehung, und diese anderen Individuen unterhalten eine Beziehung miteinander – man könnte es Vierecksmodell nennen. Das Ringmodell unterscheidet sich vom Galaxiemodell darin, dass gewisse Individuen jeweils nur aus mindestens zweiter Hand erreicht werden.

Ein normales Netzwerk besteht für gewöhnlich aus Kontakten erster Hand und Kontakten zweiter Hand und gruppiert sich in nähere Galaxien und Ringbeziehungen. Das wollte ich Beschreiben um das von mir sogenannte Bridging zu beleuchten:

Treten z. B. zwei Intimpartner*Innen in eine Beziehung, haben diese für gewöhnlich Galaxieartige enge Netzwerke, wie ihre Familie, mit weitreichendem (historischen) Einfluss auf ihre Persönlichkeit und Entscheidungen, die über diese zwei Partner*Innen weitgehend ringartig miteinander “gebridged” werden. Die jeweiligen Netzwerke mit ihren jeweiligen Kulturen treten also über die Intimpartner*Innen in Verbindung. Dies hat z. B. zu Folge, dass kulturelle Differenzen eher innerhalb der Beziehung bearbeitet und dann durch die Intimpartner*Innen vermittelt werden. So entstehen z. B. Konfliktdynamiken zwischen den Kulturen bzw. Netzwerken innerhalb der “Bridge” und die Individuen dieser “Bridge” werden in eine innovative Dynamik verwickelt, diese Konflikte zu lösen bzw. zu balancieren (Vgl. Konfliktmanagement).

Weitere Netzwerkeffekte liegen darin, dass Dritte Einfluss auf Beziehungspartner*Innen ausüben, der beziehungsförderlich oder beziehungskritisch sein oder werden können, während man meist in mehrere Wechselwirkungen verwickelt wird, um alle beteiligten direkt oder indirekt zu erreichen. Hier spielen Vertrauenszusammenhänge eine große Rolle, sollen Individuen in einem Netzwerk sozial erreicht werden – manchmal kann es z. B. in einem Konflikt zielführender sein über einen Dritten auf einen anderen einzuwirken, der als Korrektiv und Vertrauensperson agiert.

Zwischenfazit – Netzwerke

In Netzwerken treffen Kulturen über Bridging aufeinander bevor sie eventuell “verschmelzen” und es treten komplexe einflussreiche Wechselspiele zwischen Ring- und Galaxie-Strukturen auf, die man auch versuchen kann konstruktiv zu gestalten.

Fazit

Die grausame Wahrheit ist, dass gewöhnlich mit jeder neuen Beziehung ein Bridging stattfindet, das kulturelle Konflikte in Beziehungen bringt, und neben diesen Belastungen etliche Gefahren für Negativdynamiken angelegt sein können, während wir – das glauben wir den Psychologen – viermal mehr Positiverfahrungen brauchen, als wir uns Negativerfahrungen leisten können. Diese Ganzen Konflikte kumulieren sich relativ kurz nach Eingang der Beziehung und können in einen Zeithorizont nach der Dominanz des Interesses bzw. der Verschossenheit fallen – hier scheitern viele Beziehungen.

Positiv jedoch ist, dass wir durch das komplexe Wechselspiel und auch die Konflikte in innovative und aufregende Dynamiken kommen, deren Bewältigung Grundlage für kulturelle Verständigung bilden dürfte und unsere persönliche Reife befördert.

Können wir genug Positivdynamiken herbeiführen, erfüllen wir Menschen ein zentrales Bedürfniss nach guten Beziehungen und steigern unsere Lebenszufriedenheit massiv. Hierbei geht es vor allem um Emotionen, die wir versuchen über Kommunikation, Körperlichkeit und Beauftragung über Ressourcen bindungsförderlich zu konfigurieren.

Referenzen:

Aronson, Wilson und Akert (2014) - Sozialpsychologie - 8. Auflage

Gerring (2015) - Psychologie - 20. Auflage

Roth (2017) - Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten - 12. Auflage

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Positives Denken

Erfahren Sie hier, die Komponenten Positiven Denkens, wie Sie Ihr Positives Denken durch Tests einschätzen können, wann Positives Denken hilfreich oder problematisch ist in Bezug auf Gesundheit, psychisches Wohlbefinden, Selbstregulation und Erfolg sowie Liebe und Partnerschaft. Lesen Sie, wie sie Ihr Positives Denken trainieren können. Eine Übersicht finden Sie im Fazit des Artikels. Hier finden Sie auch eine Fragenliste, die es Ihnen erlaubt angemessene Entscheidungen in Bezug auf Positives Denken zu treffen. Die Darstellungen richten sich nach Schütz und Hoge (2007).

Was ist positives Denken?

Positives Denken ist ein Begriff aus der Alltagspsychologie. Wissenschaftliche Konzepte, die unter den Begriff fallen, sind: Internale Kontrollüberzeugungen, Selbstwirksamkeitserwartungen, Hoffnung, Optimismus und günstige Attributionsstile.

Kontrollüberzeugung

Glaubt eine Person, sie habe ihr Schicksal durch ihr Handeln selbst in der Hand, anstatt zu glauben, ihr Leben werde durch äußere Umstände bestimmt, so liegen internale Kontrollüberzeugungen anstatt externaler Kontrollüberzeugungen – also Positives Denken – vor. Ein Test der Kontrollüberzeugungen kann hier käuflich erworben werden.

Selbstwirksamkeitserwartung

Die Selbstwirksamkeitserwartung besteht aus zwei Komponenten. Zum einen wird erwartet, dass eine Handlung geeignet ist, um ein Ziel zu erreichen (Konsequenzerwartung) und zum anderen wird erwartet, dass man selbst in der Lage ist, diese Handlung erfolgreich auszuführen (Kompetenzerwartung). Beide Komponenten sind Kennzeichen Positiven Denkens, denn bereits die Erwartung einen Lösungsweg zu kennen ist positiv. Ein kostenloser Test der Selbstwirksamkeitserwartung findet sich hier. Beantworten Sie die zehn Fragen auf einer Skala von (1) stimmt nicht, (2) stimmt kaum, (3) stimmt eher und (4) stimmt genau, addieren Sie die Werte Ihrer Antworten und vergleichen Sie sie mit dem Mittelwert einer deutschen Bevölkerungsgruppe Erwachsener (29,28) bzw. von Studenten (29,60).

Hoffnung

Hoffnung ist die Überzeugung, sowohl den Willen als auch die Möglichkeit zu haben, seine Ziele zu erreichen. Unterschieden wird zwischen der zielgerichteten Energie (Agency) und der Planung Ziele zu erreichen (Pathway). Einen englischsprachigen Test finden sie auf Seite drei dieser Pdf-Datei. Beantworten Sie die Fragen und bilden Sie den Mittelwert zu den beiden Skalen.

Optimismus

Es werden unterschiedliche Konzepte des Optimismus unterschieden. Der allgemeine Optimismus wird dispositionaler Optimismus genannt und misst die Neigung, das Leben von der besten Seite aufzufassen und auf einen guten Ausgang der Dinge zu vertrauen. Ein Test findet sich auf der letzten Seite dieser Pdf-Datei. “Trifft ausgesprochen zu” hat den Wert vier und “trifft überhaupt nicht zu” den Wert null. Die Mittelwerte für die Optimismusskala (9,00), die Pessimismusskala (6,81) und die Gesamtskala (14,18) finden sich unter Ergebnisse / Itemkennwerte auf Seite drei.

Weitere Optimismuskonzepte unterscheiden die Realität stark verzerrende und situationsunangepasste Optimismusarten von weniger extremen (und günstigeren) Varianten, je nachdem, ob ein Betroffener die Augen vor den Risiken verschließt oder sich Mut bei deren Bewältigung zuschreibt. Defensiver Optimismus z. B. blendet Risiken aus und funktionaler Optimismus verzerrt die Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf Risiken positiv. Letztlich werden noch Erwartungen von vagen Phantasien getrennt. Positive Erwartungen sind förderlich, während positive Phantasien in Bezug auf die effektive Selbstregulation hinderlich sind.

Attributionsstile

Attributionsstile betreffen die gewohnheitsmäßige Antwort auf Warum-Fragen bezüglich Ereignissen. Unterschieden werden die Aspekte internal und external, dauerhaft und vorübergehend sowie allgemein und spezifisch.

[Ein günstiger Attributionsstil ist die] (…) gewohnheitsmäßige Tendenz, sich das Zustandekommen von Ereignissen auf eine Art und Weise zu erklären, die Anlass zur Zuversicht gibt.

Günstige Ereignisse sollten demnach tendenziell internal, allgemein und dauerhaft attribuiert werden, während ungünstige Ergebnisse tendenziell external, vorübergehend und spezifisch attribuiert werden sollten. Getestet werden Attributionsstile mit dem Attributional Style Questionaire bzw. dem German Attributional Style Questionaire. Diese Fragebögen konnte ich jedoch nicht online finden.

Positives Denken und Gesundheit

[Positives Denken] (.) führt dazu, dass Menschen sich aktiv um ihre Gesundheit kümmern und beugt dadurch Krankheiten und anderen körperlichen Beschwerden vor, vermindert das Ausmaß von Beschwerden, beschleunigt die Genesung und verringert die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls. Darüber hinaus wirkt Positives Denken hilfreich, indem es das Immunsystem stärkt, im Umgang mit Belastungen unterstützt und zur Bildung eines besseren sozialen Netzes beiträgt. (…) Ungünstige Nebenwirkungen einer positiven Einstellung sind im Vergleich zu den günstigen Konsequenzen verhältnismäßig harmlos.

Zu den ungünstigen Nebenwirkungen des Positiven Denkens zählen, dass in nicht kontrollierbaren Situationen das Bemühen um eine Veränderung der Situation aussichtslos ist und selbst zur Quelle der Belastung wird, dass extrem hohe Selbstwirksamkeitserwartung und Kontrollüberzeugung zu riskantem Verhalten verleiten und dass eine Vernachlässigung gesundheitsrelevanter Informationen vorliegt, die nicht von unmittelbarer Bedeutung sind.

Während das Erleben von Hilflosigkeit die Gesundheit belastet, stärkt das Erleben von Kontrolle die Gesundheit. Es ist damit hilfreich sich ein Leben einzurichten, indem man auf viele Details, die nicht zwangsläufig mit einer Erkrankung zu tun haben, Kontrolle ausüben kann, um sich seine Lebensumwelt zu gestalten.

Positives Denken und psychisches Wohlbefinden

Viele Studien bescheinigen den verschiedenen Formen Positiven Denkens günstige Konsequenzen für psychisches Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit. Gemeint ist dabei ein positives Umdenken und aktives Gestalten der Lebensfreude, ohne dabei potentielle Schattenseiten außer Acht zu lassen.  So steht eine höhere Selbstwirksamkeitserwartung in Zusammenhang mit geringerem Belastungserleben und rückblickender Pessimismus stärkt das Gefühl etwas erreicht zu haben, was schwierig zu erreichen war bzw. lässt Rückschläge aus einer Perspektive erscheinen, in der ein besonders ehrgeiziges Ziel verfolgt wurde. Problematisch ist, dass langandauernde Belastungen die Bewältigungsressourcen von Optimisten erschöpfen und internale Kontrollüberzeugungen bei nicht kontrollierbaren Verschlechterungen belastend wirken, weil sich die Person für etwas verantwortlich macht, was außerhalb ihrer Kontrolle liegt.

Positives Denken, Selbstregulation und Erfolg

Kontrollüberzeugung, Selbstwirksamkeit und Optimismus stehen mit Führungsqualitäten in Zusammenhang. (…) Internale Kontrollüberzeugungen stehen im Zusammenhang mit Berufszufriedenheit. (…) Bei gleicher Ausgangslage führt Hoffnung zu höherem Studienerfolg. (…) Im Sport sagen Selbstwirksamkeitserwartungen bei Konkurrenten mit ähnlichen Fähigkeiten die Erfolgschancen vorher. (…) Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung stehen in Zusammenhang mit Erfolg bei Diäten, Nikotinentwöhnung und sportlicher Betätigung. (…) Menschen, die positiv denken, leiden weniger unter Angst, sind motivierter und arbeiten ausdauernder. (…) Positives Denken hilft, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen.

Aussagen wie diese – belegt durch Studien – zeigen, dass positive Einstellungen helfen, Ziele zu erreichen, bessere sportliche Leistungen zu erbringen und in Studium und Beruf erfolgreicher zu sein. Dabei können positive Einstellungen mangelnde Grundlagen nicht ersetzen, sondern lediglich helfen, existierendes Potential voll auszuschöpfen.

Hilfreich ist es, sich spezifische Ziele zu setzen und vage positive Tagträume durch konkrete Erwartungen zu ersetzen. Denn vage positive Tagträume behindern das erreichen eines Ziels mehr, als dass sie helfen. Sich auf seine Selbstwirksamkeitserwartung zu verlassen ist nur dann sinnvoll, wenn man bereits Erfahrungen mit einer Situation gesammelt hat.

Positives Denken in Liebe und Partnerschaft

Positives Denken hilft Freundschaften und Beziehungen zu knüpfen, denn die eigene Erwartungshaltung beeinflusst, wie wir eine Person wahrnehmen und uns ihr gegenüber verhalten. Unser Verhalten wird entsprechend wahrgenommen und erwiedert. So entsteht ein Prozess in dem die Erwartungshaltung bestätigt und gefestigt wird (Sich-selbst-erfüllende-Prophezeihung). Im Falle zu hoher Erwartungshaltung, bleiben die Ansprüche oft unerfüllt und es kommt zu Missverständnissen. Hier sollten die Ansprüche angepasst werden.

Beziehungen, in denen sich die Partner stark idealisieren, sind glücklicher, vertrauensvoller und dauerhafter als Beziehungen weniger positiv illusorischer Menschen. Herrscht weiterhin ein wohlwollender Erklärungsstil, sind Beziehungen zufriedener und stabiler, wohingegen pessimistische Erklärungsstile das Lösen von Konflikten behindern und nachhaltig die Qualität und Stabilität einer Beziehung beeinträchtigen. Wechselseitige positive Beeinflussung der Partner durch Selbstwirksamkeit bezüglich der Beziehung  stärkt die Beziehung und sichert die Paarzufriedenheit. Paare mit internaler Kontrollüberzeugung bezüglich der Beziehung sind am glücklichsten, während Paare mit externaler Kontrollüberzeugung bezüglich der Beziehung vergleichsweise unglücklich sind. Für den erhalt einer Beziehung werden fünf subjektiv positive Interaktionen pro einer subjektiv negativen Interaktion empfohlen.

Positives Denken hilft Sympathien zu gewinnen und schneller Zugang zu anderen Menschen zu finden. Außerdem schützt Positives Denken tendenziell vor schädlichen Einflüssen, wie Zweifel oder einer negativen Sicht des Partners, und stabilisiert so die Beziehung und die Beziehungszufriedenheit. Negative Aspekte Positiven Denkens treten auf, wenn z. B. Gewalttätigkeit verharmlost wird, oder, wenn die optimistische Perspektive sich aufgrund des Partnerverhaltens nicht halten lässt. Letzteres führt zu Enttäuschung und Unzufriedenheit.

Wann ist Optimismus schädlich und Pessimismus hilfreich?

Ängstliche Personen profitieren von einem defensiven Pessimismus. Negative Erwartungen sind für defensive Pessimisten entlastend und motivierend. Im interkulturellen Kontext wurde zudem festgestellt, dass für Asiaten Pessimismus im Zusammenhang mit aktiver Problembewältigung steht. Europäer hingegen weisen hier einen Zusammenhang mit psychischen Problemen auf. Allgemein hilft Pessimismus in Situationen, in denen die erwarteten Risiken hoch sind. Genauso wie Hoffnung und Freude haben auch Skepsis und Trauer ihre Berechtigung und dürfen nicht als Krankheiten behandelt werden, die es durch Positives Denken zu heilen gilt – negative Emotionen sind zumeist ein Richtungsgeber für wichtige Lebensentscheidungen.

Herkunft und Lernen Positiven Denkens

Zunächst wird die Herkunft Positiven Denkens erläutert, dann die Methoden, um Positives Denken zu erlernen.

Herkunft Positiven Denkens

Die Lebenszufriedenheit wird auf eine genetische Prädisposition für bestimmte Denkmuster und Verhaltensweisen zurückgeführt. Extraversion, emotionale Stabilität und Positives Denken führen zu höherer Lebenszufriedenheit.

Dispositionaler Optimismus wird in seiner Varianz zu 25 % durch genetische Faktoren erklärt. Weiterhin relevant ist das Ausmaß und die Qualität elterlicher Fürsorge und das Beispiel der Eltern – insbesondere der Mutter. Allerdings stehen sozioökonomische Variablen und schulische und berufliche Leistungen im Zusammenhang mit dispositionalem Optimismus.

Ein positiver Erklärungsstil wird über eine Prädisposition für Denkmuster, das Modelllernen vor allem an der Mutter, elterliche – vor allem mütterliche –  Akzeptanz, fehlender Einsatz psychischer Kontrolle (z. B. Liebesentzug) der Eltern, die Attribuierung durch Lehrer und durch Lebensereignisse erklärt. Negative familiäre Ereignisse führen zu pessimistischen Erklärungsstilen.

Kontrollüberzeugungen bilden sich durch frühkindliche Erfahrungen. Förderlich ist insbesondere eine Bestrafung und Belohnung die sich am Verhalten des Kindes orientiert anstatt von den Stimmungen der Eltern abhängig zu sein, denn Kontrolle und die Erfahrung von Hilflosigkeit führen zu externalen Kontrollüberzeugungen. Lebensereignisse, wie Scheidungen der Eltern, befördern externale Kontrollüberzeugeungen, wohingegen die Wertschätzung der Eltern mit internalen Kontrollüberzeugungen zusammenhängt.

Selbstwirksamkeitserwartungen bilden sich durch Erlebnisse und Erfahrungen in Zusammenhang mit bestimmten Leistungen. Lerngelegenheiten fördern die Selbstwirksamkeit, während eine starke Behütung eines Kindes durch die Eltern kontraproduktiv ist. Selbstwirksamkeitserwartungen werden auch durch stellvertretendes Lernen, wie Vorstellungen, verbale Belehrungen und das erleben positiver Emotionen gebildet.

Lernen Positiven Denkens

Um Positives Denken zu lernen helfen eigene positive Erlebnisse und persönliche Erfolge, Modelllernen, verbale Überzeugung, vorgestellte Erlebnisse und das Erleben körperlicher und emotionaler Zustände.

Um eigene positive Erlebnisse zu generieren ist das setzen von spezifischen Zielen hilfreich. Zudem sollte das angestrebte Verhalten geübt werden und es sollten Bewältigungs- und Problemlösungsstrategien erlernt werden.

Die verbale Überzeugung basiert auf positivem Feedback oder dem Hinterfragen und Verändern negativer Denkmuster. Negative Denkmuster können durch das Verfahren der Disputation hinterfragt und verändert werden. Dabei soll eine Person die folgenden Schritte verinnerlichen und selbst anwenden:

Zunächst werden die Auslöser negativen Denkens identifiziert, sodann die diesbezüglichen Gedanken und Reaktionen. Die negativen Gedanken und Reaktionen werden sodann in einer Disputation angefochten. Dabei werden Gegenbeweise und alternative Erklärungen gesucht und die Konsequenzen der Reaktionen werden auf ihre Nützlichkeit hin untersucht. Abschließend wird die Situation neu eingeschätzt.

Das Erlernen von Entspannungstechniken moduliert das Erleben körperlicher und emotionaler Zustände positiv und leistet so einen Beitrag zu Positivem Denken.

Fazit

Positives Denken scheint Menschen zu veranlassen, besser für ihre Gesundheit zu sorgen und Probleme aktiv zu bewältigen. Die Fähigkeit, Dinge mit Zuversicht zu betrachten, das Augenmerk auf das Positive zu richten und anderen mit Wohlwollen zu begegnen, macht positiv denkende Menschen zu beliebten Zeitgenossen und hilft ihnen, stabilere, zufriedenere Beziehungen zu führen. Außerdem gibt ihnen ihre Zuversicht Motivation und Kraft, um sich höhere Ziele zu setzen, härter und ausdauernder an deren Umsetzung zu arbeiten und sich weniger leicht entmutigen zu lassen. Das ermöglicht ihnen wiederum, in ihrem Beruf und in anderen wichtigen Lebensbereichen erfolgreich zu sein. (…)

Andererseits kann ein hohes Maß an Zuversicht dazu führen, dass Menschen zu viel Energie in Ziele investieren, die unerreichbar sind und so Gesundheit und Wohlbefinden belasten. Ebenso ist es möglich, dass Optimisten bestimmte Risiken unterschätzen bzw. ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen und sich dadurch in Schwierigkeiten oder gar in Gefahr bringen. Darüber hinaus kann die Überzeugung, das eigene Schicksal maßgeblich beeinflussen zu können, die Anpassung an Situationen erschweren, in denen das Individuum, objektiv gesehen, wenig Kontrollmöglichkeiten hat. (…)

[Z]ahlreiche Ergebnisse [deuten] darauf hin, dass eine leicht optimistische, etwas unrealistische Sicht der Dinge günstig ist, eine extreme Verzerrung einer wie auch immer gearteten objektiven Realität aber problematisch.

Ein wichtiges situatives Merkmal ist die Kontrollierbarkeit einer Situation. Ist die Situation durch eigenes Handeln nicht besserbar, können Versuche, die Situation zu akzeptieren oder positiv umzuinterpretieren, den Betroffenen helfen, sich zu entspannen, das Gefühl der Kontrolle wiederzuerlangen und sogar zu günstigen Auswirkungen auf das Immunsystem führen. Ist die Situation hingegen kontrollierbar, bergen Illusionen über die Zukunft und unrealistischer Optimismus die Gefahr, dass sie notwendiges Handeln verhindern.

Bezüglich der Handlungsphasen sollten Entscheidungen so realistisch wie möglich getroffen werden, während die Umsetzung leicht optimistisch betrachtet werden sollte, um Motivation und Durchhaltevermögen zu stärken. In Bezug auf Probleme sollte die Einstellung vor Eintritt des Problems die Vorbereitung unterstützen und nach Eintritt des Ergebnisses Mut machen, die nächste derartige Aufgabe anzugehen.

Wichtig ist auch die Berücksichtigung differenzierter Kriterien. So sind Zielkonflikte durch Prioritätensetzung aufzulösen, die individuelle Wirksamkeit gegenüber der Sozialverträglichkeit abzuwegen und die Verfolgung kurzfristiger Ziele gegenüber der Verfolgung langfristiger Ziele zu gewichten.

In Bezug auf Persönlichkeitsmerkmale wurde festgestellt, dass ängstliche Menschen von defensiven Pessimismus profitieren können, da sie so Probleme antizipieren und vorbeugen können.

Hilfreiche Fragen bezüglich des eigenen Positiven Denkens sind:

  • Wie ausgeprägt ist mein Optimismus (Zuversicht oder Erhabenheit)?
  • Worauf beruht meine Zuversicht (Erfahrung oder Bauchgefühl)?
  • Habe ich die möglichen Gefahren bedacht?
  • Ist meine Einschätzung der Situation angemessen?
  • Was sind die Konsequenzen meiner Einstellung?
  • Bin ich flexibel genug, bei Erfolglosigkeit aufzugeben?

Viel Gesundheit, Wohlbefinden, Erfolg und Liebe mit Ihrem wohldosierten Positiven Denken!

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Quelle:

Schütz, A.; Hoge, L. (2007): "Positives Denken", Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart.