Diskussion: It´s Time for Politics to Grow Up

Dieser Vorschlag ist universell und einzigartig. Universell, weil er positive Ideen ausdrückt, die von vielen traditionellen und modernen Kulturen geteilt werden, und so von allen verstanden werden kann. Einzigartig, als konstruktive Synthese für unser aller Fortschritt in einer Form, die Diversität aufblühen lässt und nicht von spaltender Politik untergraben wird. – Dorian Furlonger (2019): “It´s Time for Politics to Grow Up”, Übersetzung von Marius A. Schulz.

Zentrale universelle Normen, die Furlonger aufnimmt sind die vertrauenshaltige Reziprozitätsnorm, die Goldene Regel und der Grundsatz systemisch-individueller Freiheit:

  • Ich gehe auf dich zu, in der Hoffnung, dass du auf mich zugehst.
  • Ich behandle andere so, wie ich selbst behandelt werden möchte.
  • Ich erlaube mir nur jede Freiheit, die nicht andere in ihrer Freiheit behindern.

Lebensqualität – ehrlich und bedacht

Er konfiguriert diese drei moralischen Grundsätze in Bezug auf Lebensqualität. Lebensqualität erfasst er als subjektive Beurteilung, die überlegt, autonom und wissensbefähigt erfolgt in Bezug auf:

  1. Leben in gutem physischen und sozialen Umfeld (mit einer guten Mischung aus Sicherheit und Chancen in physischer und sozialer Hinsicht).
  2. Leben eines erfüllten Lebens.
  3. Leben in Selbstachtung.

Im Kontext der Allgemeinheit erweitern sich folglich die Beurteilungskriterien hin zu:

  1. Ich beurteile frei von Beeinträchtigung meines Denkens (wie z. B. Manipulation oder Gruppenzusammenhalt).
  2. Ich beurteile mit offenem Zugang zu gegenwärtig relevantem Wissen, dass ich reflektieren konnte.

Schließlich zeigt sich die Integration der moralischen Normen in der Berücksichtigung der Selbstbeschränkung eigener Lebensqualität sofern sie andere oder die Gesamtgesellschaft in ihrer Lebensqualität behindern würde und der Aussage sich auf bedeutsame Unterstützung von Mitmenschen und Institutionen verlassen zu können.

Damit setzt Furlonger auf eine ehrliche und bedachte Bekundung unserer Lebenszufriedenheit. Das steht – so Furlonger implizit – in starkem Kontrast zu den Machtspielen einer Klientelpolitik, die “vorbildhaft” inszeniert wird – die Machtpolitik.

Machtpolitik nutzt sophistische Techniken, statt dem “mutual higher-self thinking”, dem selbstabstrahierenden Denken zum gemeinsamen Wohl.

Kritik

Zentral scheint mir die Fragestellung der Integration fremder Interessen in die eigenen Fühlens-, Denkens- und Verhaltensweisen zu sein. Entsprechend meiner Konzeption egoistisch-empathischen Verhaltens strebt Furlonger hier die Beachtung von Fremdinteressen an – sie sind zu bedenken. Das unterscheidet nach meiner Konzeption von Opportunismus oder gar Soziopathie, die ohne Berücksichtigung der Konsequenzen eigenen Handelns für andere auskommt.

Diese Fragestellung, also die Integration von Fremdwirkung ist jedoch ein zentrales Thema der Ethik – wir können meistens nicht alle Konsequenzen unseres Handelns absehen. So sind wir z. B. als unperfekte Wesen auf Integration entsprechend unserer Intention angewiesen (Vgl. Integration) und die Optimierung gemeinsamer Entscheidungen kann zwar modelliert werden (Vgl. Homo Ökonomikus), aber nur für ausgewählte Stakeholder, nicht das ganze System.

Hier ist folglich die richtige Konsequenz, sich Mühe mit der Modellierung von Konsequenzen eigenen Verhaltens (dazu zählt auch Kommunikation) zu geben und abzusichern aus positiver Intention zu handeln, nicht aber aus “Überforderung” und mangelndem Verständnis für die subjektiven Situationen anderer aufzugeben, Fremdwirkung zu berücksichtigen.

Dieser Anspruch ist keineswegs neu, sondern im alteuropäischen Kulturgut z. B. des Ehrbaren Kaufmanns in der sogenannten inneren Ehre erfasst (Vgl. Corporate Social Responsibility), war aber im Kontext des zweiten Weltkrieges in Vergessenheit gebracht worden. Heute finden wir diese Ideen im Kontext von Integrität, Authentizität und Verantwortung.

Konstitution

Nach Furlonger sollte folgendes Kernprinzip in die Verfassung aufgenommen werden:

In allen politischen und administrativen Entscheidungen muss die Priorität in der Zielsetzung liegen, dass die Menschheit sich hin zu nachhaltiger Lebensqualität für alle entwickelt und zwar basierend auf offenem und transparentem Wissen.

Dieses Kernprinzip elaboriert er in neun Regeln, die wie folgt zusammengefasst werden können:

  1. Lebensqualität für alle ermöglichen:
    1. Freiheit für Lebensqualität, solange andere nicht eingeschränkt werden.
    2. Entscheidungen und Infrastruktur zur Ermöglichung von Lebensqualität.
    3. Mutual higher-self thinking in Politik und Administration.
  2. Nachhaltigkeit:
    1. Ökologische Nachhaltigkeit.
    2. Soziale Nachhaltigkeit ohne Monokulturen.
    3. Langfristorientierung und Beachtung des Gesamtkontext.
  3. Offenes und transparentes Wissen:
    1. Breite Wissensforschung in allen Bereichen.
    2. Förderung von Fähigkeiten durch Bildungsoffenheit und -Distribution.
    3. Nutzung von Wissen und wissensgerechte Prüfung von Entscheidungen.

Diese Regeln sollen sich gegenseitig verstärkend im Gesamtkontext entfalten, sind also designed, um eine systemische Dynamik hervorzubringen.

Kritik

Furlonger entwirft eine ähnliche Konzeption wie Doughnut Economics. Hierbei geht es um Mindeststandards und Einhaltung von oberen Limits, also dem Setzen von Nebenbedingungen für die freie Entfaltung – in beiden Konzepten in Bezug auf soziale und materielle Mindeststandards und planetäre obere Grenzen unserer ökologischen Lebenswelt.

Furlonger betont mit seinen Regeln die Wichtigkeit von Gleichheit und Gleichwertigkeit mithin Gerechtigkeit der individuellen Entfaltung gegenüber der Einschränkung der Entfaltung Dritter. Diese Form der relationalen “Beschränkung” wird sowohl intranational als auch international eingesetzt.

Hierin zeigt sich eine zunehmende Integration von ökonomischer, ökologischer und sozialer, und damit auch politischer, Nachhaltigkeit. Konzeptionell nach Furlonger fehlt damit vor allem das Feedback bzw. die Integration der Expertise der Bildungsverantwortlichen.

Hierin dürfte das Fundament bürgerlichen Handelns durch Wissensaneignung und Kompetenzvermittlung liegen, die nicht im sozialen und medialen Miteinander erwächst. Während Furlonger auf umfassende Offenheit und Transparenz von Wissen abzielt, habe ich mich eher mit der Vernetzung von Spezialisten beschäftigt (Vgl. Jigsaw-Bildungswesen und Wissensmanagement).

Damit entsteht aus meiner Perspektive insbesondere die Frage, wie das Wissen in Form spezialisierter Aneignung in einem Expertensystem vernetzt werden kann und ich stehe der Allgemeinbildung vor diesem Hintergrund kritisch gegenüber – kann wirklich jeder so vieles Wissen, oder brauchen wir Arbeitsteilung im bürgerlichen Bereich?

Politische Implikationen

In Bezug auf politische Implikationen unterscheidet Furlonger zwischen Staatsorganisation, der Rolle der Politiker, der Rolle des Bürgertums und der Öffentlichkeit sowie der internationalen Verhältnisse.

  1. Staatsorganisation:
    1. Gewaltenteilung.
    2. Unabhängig gewählte Prüfungsinstitutionen gegen Veruntreuung.
    3. Repräsentativität des Staates durch Abbildung der Interessenslagen der Menschen.
  2. Rolle der Politiker:
    1. Ablage der Führerinterpretation gegenüber einer Interpretation als Dienstleister / Steward gegenüber den Menschen.
    2. Vereidigung der verfassungsgemäßen Verantwortung und Verpflichtung.
    3. Wahrung der Diskursqualität öffentlicher Debatten.
  3. Rolle des Bürgertums und der Öffentlichkeit:
    1. Eigenverantwortung für die eigenen Lebensqualität und Partizipation am politischen Geschehen (Bürgertum).
    2. Öffentliche Erwartung von bedeutsamer Anwendung der Prinzipien und Regeln.
  4. Internationale Verhältnisse:
    1. Kooperationsgrundsatz gegenüber Drittstaaten.
    2. Auffassung von Gewalt (und Macht) als letztes Mittel und gescheiterten Verhältnissen.

Kritik

Meiner bescheidenen Meinung nach – es handelt sich nur begrenzt um meinen Kompetenzkreis – manifestiert sich die politische Intention Furlongers vor allem in den staatsorganisatorischen Strukturen mit ihren nationalen und internationalen Kontrolleinrichtungen. Zu einem Gewissen grad wird Vertrauen über diese Kontrolleinrichtungen ermöglicht insbesondere aber durch Transparenz bestätigt, und sorgt somit für das Klima fruchtbarer Debatten, die im Kontext zunehmender Digitalisierung auch eine Form der Transparenz und Qualität erreichen könnten, die ein mündig argumentierendes Bürgertum fördern könnte.

Natürlich bedeutet dies, dass das Bürgertum für diesen Prozess auch einstehen sollte und so mitkontrollierend Wirkung entfaltet – insbesondere in liberalen Demokratien. Letztlich entscheiden natürlich unsere individuellen Selbstansprüche in kollektiver Durchdringung, wie unsere Strukturen aufgebaut sind (Vgl. Menschen groß machen) und wir können schließlich zunächst am besten bei uns und dann an den Strukturen angreifen, aber es besteht Gefahr der Überforderung.

Ökonomische Implikationen

Furlonger denkt Ökonomie problembezogen von den Zielen her, wenn er Märkte (auch Finanzmärkte) und Geschäftspraktiken mit Lebensqualität für die Menschheit abgestimmt wissen will, sodass Preise und Indikatoren die Lebensqualität messen und zwischen den Menschen abstimmen und Unternehmen zu werteorientierten Systemen mit transparentem Schutz vor illegalen Aktivitäten sind sowie Professionalität stimuliert wird.

Dem Staat kommt darüberhinaus die Förderung von Forschung in Lebensqualität bedingende Technologien und Wissen zu und die Unterstützung des Arbeitsmarktes. Dabei soll der Arbeitsmarkt durchaus Jobs zugunsten der Lebensqualität aller verschieben / aufgeben können, aber die Betroffenen sollen Unterstützung in der Jobtransition erhalten. Deswegen soll der Staat auch die Entstehung von Arbeitsplätzen insbesondere in Verbindung mit Lebensqualität fördern und Wandel in der Ökonomie und ökonomische Schocks mit Perspektive auf die Arbeitserhaltung und Transitionsförderung managen.

Die Korrektur von Preisbildung, die nicht mit realen Kosten und Nutzen harmoniert soll in einem Prozess kontinuierlicher Aufdeckung mit geeigneten Maßnahmen von Meinungsbildung über Entscheidungsunterstützung bis hin zur Besteuerung und Regulation erfolgen.

Kritik

Unternehmen balancieren Anforderungen von Absatz- und Faktormärkten mit den Faktoren Arbeit, Finanzkapital, Potentialgüter und Rohstoffe im Kontext von Wettbewerb. Dabei gibt es auf dem Absatzmarkt allgemeine Preisanteile und individuelle Preisanteile, während letztere die Spielräume auf den anderen Märkten ermöglichen. Somit liegt in professionell agierenden Unternehmen stets Fokus auf der Wettbewerbsposition über Preis und Leistung(-swahrnehmung).

Da Herr Furlonger Standards für Unternehmen einrichten möchte, müssen diese zu allgemeinen Preisanteilen werden, sodass sie anreizkompatibel im Wettbewerb sind. Hierzu kann geeignete Transparenz an Absatzmärkten eingerichtet werden oder es können Regulationsstandards geschaffen werden.

Das grundsätzliche Thema ist, dass Regulation und Transparenz bzw. Standards nachlaufend konzeptioniert sind gleichwohl sie häufig strukturell eingreifen. Das bedeutet, dass wir ausgehend von wahrgenommenen Problemen Standards etablieren, um diese Probleme und vergleichbare Problemmöglichkeiten auszuregulieren oder entscheidungswirksame Bewusstheit herzustellen und aufrecht zu erhalten – dieses reaktive Muster ist also nachlaufend. Können wir Probleme antizipieren, können wir vorauslaufend-prognostisch regulieren und beeinflussen.

Deswegen sind z. B. Transparenzframeworks basierend auf systematischer Analyse von ungewünschten Marktresultaten, die am (Absatz-)Markt wirksam werden in höherem Maße vorauslaufend, als die Korrektur von ungewünschten Marktresultaten durch Regulation und Beeinflussung. Hier setzt z. B. das Transparenznudging an, dass umfängliche Indikatoren in Kaufnudges überführt, sodass Produkte unabhängig vom Involvement der Konsumenten gut beurteilt werden können und zwar in Bezug auf messbare Eigenschaften, sodass die Vertrauenseigenschaften nur einen geringen Anteil ausmachen.

Professionelle Konsumenten (also z. B. der Verbraucherschutz) würden hier Signale von Unternehmen erwarten, die durch Transparenz echte Werte vermarkten. Hier stellen wir fest, dass die Wertschöpfungsketten am Absatzmarkt eher auf extreme Abweichungen reagieren, als auf Best Practices – Enttäuschung also relevanter ist, als Qualität behaupte ich. Diese Interpretation – sofern sie real ist – legt nahe, dass Unternehmen lediglich den extremen und medial wirksamen Vertrauensbruch meiden, anstatt proaktiv Standards zu erarbeiten.

Eine Institutionalisierung von Qualitätsstandards in Kaufhinweise überbrückt diesen blinden Fleck der Endkonsumenten, sofern das Vertrauen in die Transparenzframeworks besteht. Dies bedeutet nach den Grundsätzen der Privatautonomie, dass diese Transparenzframeworks den Konsumenten bestmöglich individuell beraten, keinesfalls aber bevormunden sollten. Hier ist auch eine Vermittlung und Transparenz der Indikatoren in bildenden Prozessen zu vermitteln – Vertrauenseigenschaften eines Transparenzframeworks sind von erheblicher Bedeutung.

Transparenz ist keinesfalls eine ungewöhnliche volkswirtschaftliche Forderung, sondern eine grundlegende Annahme effizient funktionierender Märkte. Allerdings sind in der öffentlichen Wahrnehmung eher Zertifikate und Marken präsent, die betriebswirtschaftliche Lösungen darstellen, also Geschäftsmodelle sind. Transparenzframeworks mit entsprechender Regulation oder Marktdurchdringung hingegen sind ganzheitliche Ansätze soweit derzeit absehbar. Meines Erachtens ist es wichtig die Debatte hier zu konzentrieren und sich bewusst zu machen, dass Unternehmen und auch Finanzinstitute aufgrund der systemischen Zusammenhänge auf derartige Ansätze von sich aus reagieren – in der Wirtschaft sollte fundiert am richtigen Hebel eingegriffen werden. Eine Übersicht zu Nachhaltigkeitsregulierung liefert der Artikel CO2-Steuer.

In Bezug auf die verbleibenden Vertrauenseigenschaften, also z. B. genehmigte Pharmazie- oder Pestizidforschung, die aufgrund von Informationsasymmetrien und Unmöglichkeit der Vorablangzeitstudie Spielräume für unverantwortliche Geschäftspraktiken lassen, müssen nachträgliche Transparenz eine Reputationswirkung entfalten, die vernünftige und verantwortliche Unternehmen befördern, aber letztlich braucht es in der Tat Verantwortungsbewusstsein und moralisches Handeln auf individueller und organisatorischer Ebene (Vgl. zu Verantwortungskonzepten Corporate Social Responsibility und the ethical capitalist). Streng genommen müsste man die Forschung verstaatlichen und die Nutznießer zum einen mit einer separaten Forschungssteuer belegen und zum anderen auf genehmigte Produkte beschränken.

Bildungswesen Implikationen

Furlonger hält folgende Elemente der Bildung für erwartbar:

  1. Jeder Mensch sollte hochwertige Bildung in der Jugend erhalten und im Erwachsenenalter sollte Bildung stimuliert werden und leicht zu finanzieren, wenn nicht sogar kostenlos sein.
  2. Bildung soll alle Felder enthalten, die für Lebensqualität relevant sind.
  3. Bildungswissenschaften sollten exzessiv erforscht und verbessert werden.
  4. Leistungserfolgskontrollen, die nicht der Zertifizierung von beruflicher Qualifikation dienen, sollten darauf abzielen, Strategien für besseren individuellen Lernfortschritt abzuleiten, statt soziale Pyramiden durch Selektion voranzutreiben.
  5. In der Gesamtschau soll Bildung Menschen befähigen gute Entscheidungen selbstständig treffen zu können (überlegt, autonom und wissensbefähigt), sodass sie ihre Lebensqualität verbessern können, ohne andere in ihrer Lebensqualität zu beschränken.

Furlonger erarbeitet auch die Felder der Bildung, die relevant sind, um Lebensqualität zu ermöglichen:

  1. Sprach-, Kommunikations- und Lernkompetenz.
  2. Wissenschaft von Natur und Technologie, die Verständnis der zugrundeliegenden Faktoren unserer Leben bildet inklusive der Wissenschaftstheorie, wie derartige Erkenntnisse gewonnen werden.
  3. Alles relevante Wissen, um Entscheidungen im globalen Nachhaltigkeitskontext treffen zu können.
  4. Vorurteilsfreie Bildung zu menschlichen Gesellschaften auf der Welt inklusive Kulturdifferenzen, Formen der nationalen Staatsorganisation und internationalen Eingliederung und Unterschiede der Lebensführung, physikalischen Umgebung und dem Umgang mit besonderen Herausforderungen. Ziel ist Entscheidungen im globalen sozialen Kontext treffen zu können.
  5. Unparteiische Bildung zur eigenen Nation aus sozialer, physischer und historischer Perspektive.
  6. Verständnis von Moral, Werten und menschlicher Bewusstheit (menschenbezogenes Wissen) aus Perspektive relevanter Forschung, wie Ethik, Psychologie und Neurophysiologie.
  7. Bildung zu Logik, systemischem Denken und Entscheidungsfindung mit Befähigung Offenheit mit kritischem Denken zu balancieren.
  8. Bildung zu menschlichen Beziehungen.
  9. Wissen und Fähigkeiten, um das Leben und die Karriere managen zu können.
  10. Bildung in Kunst und Sport im Kontext sozialer Kompetenz, Begeisterung und Stimulation sowie der Erhaltung physischer und mentaler Gesundheit.
  11. Anleitung zu bürgerschaftlichem Engagement in Politik und sozialen Belangen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene inklusive motivationaler Aspekte.
  12. Wissen um die intendierte Verfassung und was die zugehörigen Regeln bedeuten.

Kritik

Bildungskonzeptionen sind nicht mein Kompetenzkreis, aber aus subjektiver Erfahrung halte ich insbesondere Wissen um Recht, Menschsein und kulturelle, wie erkenntnistheoretische Wahrnehmungs- und Verhaltensunterschiede für zu wenig durchgängig vermittelt. Im Übrigen ist Bildung ein Prozess, und damit nach Effektivität, Effizienz und Flexibilität zu gestalten, wobei insbesondere Flexibilität in unseren historisch autoritär geprägten System zu wenig bedacht scheint, um eine intensive Profilbildung in Bezug auf Wissen und Kompetenzen hervorzubringen, die im Kontext der Allgemeinbildung zukunftsgerichtet Arbeitsteilung in Kooperation ermöglicht und dabei die Motivation der Lernenden betont. Ich habe dazu im Artikel Jigsaw-Bildungswesen versucht meine Eindrücke zu reflektieren.

Zentrale Zusammenstellungen meiner wissensbasierten Beschäftigung mit dem Menschsein finden Sie im Abschnitt Ich-Kompetenzen.

Fazit

Dorian Furlonger widmet sich zentralen Grundsätzen einer Konstitution und betrachtet deren Implikationen in den zentralen Gesellschaftsstrukturen: Staatsorganisation / Politik, Wirtschaft und Bildung. Die Ausführungen bleiben nicht auf nationaler Ebene hängen, sondern widmen sich auch der internationalen Gemeinschaft.

In diesem Sinne rückt er den Wert des Universalismus in den Vordergrund – wir sind eine Menschheit auf einem Planeten. Diese fundamentale Wahrheit möchte er in unseren zentralen Strukturen global wiederfinden. Deswegen sollten die Bürger der Nationen ihre Erwartung an die Politik erhöhen und sich selbst konstruktiv und mitmenschlich im Sinne höchster Lebensqualität für alle einbringen.

Eine interessante Diskussion scheint mir die Verständigung zwischen Menschen, die einen Wert zugunsten von Macht entwickelt haben mit Menschen, denen Macht eher wenig motivierende Kraft gibt, da mir der Eindruck entstanden ist, dass letztere auf eine “Macht des Sozialsinns” setzen, deren Relevanz für machtorientierte Menschen vielleicht der Verständigung bedarf. Dies scheint mir eine interessante Fragestellung, die offen geblieben ist.

Anmerkung

Das knapp gehaltene Buch von Dorian Furlonger ist in diesem Artikel in den wesentlichen Aussagen erfasst. Gleichwohl erzeugen die Darstellungen von Furlonger vielschichtige Details über Zusammenhänge, Motivation und Interaktion der Prinzipien und Regeln, die hier nicht abgebildet werden können uns sollen. Ich kann das kurze Buch empfehlen. Schade ist lediglich, dass das Buch ohne Würdigung von zum Teil Lebensleistungen von Forschern durch Referenzierung auskommt, und sich damit etwas der wissenschaftlichen Gemeinschaft entzieht.

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Diskussion: the ethical capitalist

“the ethical capitalist – how to make business work better for society” ist ein Buch aus dem Jahr 2018 von Julian Richer – dem Gründer von Richer Sounds -, der argumentiert, dass ein ethischer Ansatz im Geschäftsleben das Geheimnis von Erfolg ist.

Unter ethisch versteht er es, seine Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten ehrlich, offen und respektvoll zu behandeln, Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen – insbesondere wenn etwas schief geht, dafür gerade zu stehen und das Problem aus der Welt zu schaffen – und sich als integraler Teil der Gesellschaft zu verstehen, sodass man seinen Anteil – insbesondere seine Steuern – leistet.

Der vorliegende Artikel soll die wesentlichen Inhalte dieses Buches vorstellen und kritisch reflektieren, sodass Ihnen ein Verständnis für moralische Geschäftsführung nahegelegt und zentrale Problemstellungen erörtert werden.

Geschäftsführer

Richer zeichnet das Bild eines Geschäftsführers, der internen Einfluss auf die Unternehmenskultur, Entlohnung, Anreizsetzung, Beförderung, Produkte und Problemlösung in Bezug auf die Stakeholder Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten hat, und damit Wirkung auf sein Geschäft und gesellschaftliche Bedingungen entfaltet, wie das Einkommensniveau. Dieser Geschäftsführer trägt extern Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und den Shareholdern. In dieser externen Perspektive jedoch werden Shareholder ebenso betrachtet, die ebenso eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben.

Dieses System Unternehmen bezeichnet Richer als vernetzt und zusammenhängend, sodass Fragen nach der Priorisierung der Stakeholder ihm sachfern erscheinen, weil jedes Glied, in dem Fehler passieren, potentiell schwerwiegende Folgen für das Unternehmen hat.

Kritik

Es ist korrekt, dass Geschäftsführer theoretisch die Kompetenz (Weisungsbefugnis) haben, um jede Entscheidung im Unternehmen durchzusetzen, aber das würde Zeit und Transparenz erfordern, die nicht vorhanden ist. Geschäftsführer repräsentieren das Unternehmen nach innen und außen und genehmigen die wesentlichen strukturellen Maßnahmen, wie Strategie, Organisation, Controlling, Investition / Budgets und normative Leitsätze. Unsere Verherrlichung von Führungskräften in der öffentlichen Wahrnehmung geht an der Realität vorbei. Unternehmen sind höchst dezentral geprägte soziale Systeme und selbst die Führung ist eine Hierarchie, ein soziales System mit begrenzter Zeit, Zuständigkeit und Übersicht.

Interne Perspektive

Richer argumentiert, dass es zwei Karotten und einen Prügel für ethische Geschäftsführung gibt: moralische Intigrität, langfristiger Geschäftserfolg und Reputationsschaden. In der internen Perspektive argumentiert Richer, um einen Zusammenhang von ethischer Geschäftsführung und langfristigem Geschäftserfolg herauszuarbeiten. Er betrachtet Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten.

Mitarbeiter

Werden Mitarbeiter gut behandelt, verhalten sie sich reziprok, sie sind motiviert etwas zurückzugeben. Folglich steigt die Produktivität, und damit die Profitabilität. Dies ist die zentrale argumentative Kausalkette von Richer, die plausibel erklärt, wie ehische Geschäftsführung auf Geschäftserfolg wirken soll.

Richer argumentiert für eine gerechte Entlohnung des gesamten Zeitaufwands, strikt leistungsabhängige Beförderung mit transparenten Leistungskriterien und persönlichkeitsorientiertes (Freundlichkeit, Leidenschaft und Enthusiasmus) offenes und ehrliches Recruiting. Anreizsysteme sollten sorgfältig bedacht werden.

Er konstantiert diesbezüglich, dass zunehmend Arbeitszeit, wie An- und Abreise nicht als solche anerkannt werden und das sich schlechte Mitarbeiterbehandlung negativ durch Betrug, Diebstahl, Mitarbeiterfluktuation und Krankfeiern revanchiert. Letztlich macht er darauf aufmerksam, dass Menschen, die für einen tricksen zum einen auch gegen einen tricksen und zum anderen, dass es wissenschaftlich erwiesen ist, dass Trickser in schwierigen Situationen schlechter abschneiden, weil sie nicht so motiviert und energetisch sind.

Weiterhin konterkarriert gerechte Entlohnung Armut und Ungleichverteilung und hebt somit das Konsumniveau, das auf Unternehmen zurückfällt.

Kritik

Richer argumentiert mit allgemeinen Regeln und statisch. Mir fällt auf, dass er wenig differenziert und marktdynamiken nicht erörtert. Ich differenziere z. B. zwischen Soziopathen, Opportunisten und egoistisch-empathischen Menschen auf der Ebene tatsächlichen Verhaltens. Soziopathen und Opportunisten verhalten sich (vordergründig) reziprok, wenn und solange sie dadurch Vorteile erlangen, während egoistisch-empathische Menschen zwischen Egoismus und Alltruismus situativ abwägen, sofern ein Dilemma vorliegt. Im egoistischen Bereich verhalten sie sich dann also ebenfalls reziprok, während sie sich im alltruistischen Bereich investierend / oder wertegemäß verhalten.

Soziopathen verhalten sich hintergründig für gewöhnlich fremdschädlich und sähen Misstrauen. Reziprozität und Gerechtigkeit sind für sie ein notwendiges Übel, wenn es sie selbst betrifft, und eine Möglichkeit öffentlicher (verlogener) Bestrafung Dritter. Sie sind fundamental nicht vertrags- und verantwortungsfähig und es existiert mit ihnen keine Kooperation.

Opportunisten verhalten sich solange reziprok, bis ein (kurzfristig) höherwertiges Angebot zu Verrat führt. Opportunisten können damit häufig keine langfristigen Beziehungen führen und bieten keinen Vertrauenspuffer, wenn eine Kriese eintritt.

Egoistisch-empathische Menschen zeichnen sich vor allem durch eins aus: Sie analysieren stets, welche Konsequenzen ihr eigenes Verhalten für sie und Andere hätte und entscheiden sich erst dann für Egoismus / Opportunismus oder Alltruismus in dilematischen Situationen. Sie können also nur mit solchen Leuten Vertrauen überhaupt aufbauen.

Wenn Sie jetzt einen sogenannten Effizienzlohn zahlen, also einen Lohn über Marktniveau sprechen sie Soziopathen und Opportunisten immer an, während egoistisch-empathische Menschen bedenken, ob sie in ihrem Unternehmen einen Beitrag entsprechend ihrer Werte leisten, also positive Konsequenzen für andere herbeiführen. Insbesondere, wenn ihre Produkte nicht explizit zu Positivem beitragen haben sie eine deutlich geringere Quote egoistisch-empathischer Mitarbeiter, und somit können Sie nicht in Vertrauen investieren.

Das bedeutet zum einen, dass Sie Kriesensicherheit erhöhen, wenn ihre Produkte zu Positivem beitragen, weil Sie dann egoistisch-empathische Mitarbeiter anziehen und Vertrauen aufbauen können, und zum anderen, dass finanzielle Anreize im Regelfall keine wirkliche Reziprozität bewirken, sondern amoralische Konkurrenz um dieses extrinsisch motivierende Gut. Deswegen bräuchten Sie Leistungsindikatoren die prosoziales Verhalten verlässlich und durchgängig in der Hierarchie messen, damit Soziopathen und Opportunisten nicht das soziale System zerlegen und müssten insbesondere Soziopathen systematisch identifizieren und los werden.

Soziopathen und Opportunisten erkennt man selten im klassischen Recruiting. Weder anhand der Unterlagen, noch anhand von Bekundungen und auch nicht anhand der Mimik lassen sie sich identifizieren. Soziopathen und Opportunisten fallen insbesondere in der Gruppenarbeit auf. Deswegen – und hier herrscht große Intransparenz – sollte man die vormaligen Kollegen / Komilitonen befragen, die mit den betreffenden Kandidaten zusammengearbeitet haben und müsste die gesammelten Äußerungen systematisch analysieren. Opportunistische Trittbrettfahrer lassen sich leicht identifizieren während durch Soziopathen korrumpierte soziale Gemeinschaften weniger leicht zu identifizieren sind (Opferbeschwerden, Fluktuation, Abbruch, Falschaussagen).

Deswegen sollten Unternehmen systematisch mit ihren Mitarbeitern kommunizieren und die Situation analysieren, damit Soziopathen identifiziert werden können. Starke Anzeichen für Soziopathen sind Misstrauen, Klüngeleien und schwer nachweisbare Straftaten gegen Menschen. Nicht selten brauchen die Opfer ohne Hilfe relativ lange, um herauszufinden, wer wirklich dahinter steckt und haben doch mit Gruppen zu tun, die gegen sie instrumetalisiert wurden. Letzteres korrumpiert ihre Glaubwürdigkeit.

Es gibt im Übrigen einen Zusammenhang zwischen Soziopathie und Opportunismus: Die meisten Opportunisten hatten mal einen Soziopathen im Umfeld und haben die opportunistische Instrumentalisierung erlebt oder waren sogar Opfer und glauben das alle Menschen Opportunisten seien und man nicht vorankommt, wenn man nicht selbst so wird (Menschenbild). Diese Erwartung lässt sich in guter Umgebung falsifizieren, und somit korrigieren.

Kunden

Richer geht davon aus, dass Märkte selbstkorrigierend unethische Unternehmen deselektieren, weil sie schlechten Service, schlechte Produkte und intransparentes Verhalten liefern, was die Kunden auf dauer nicht mitmachen.

Deswegen rät er zu hoher Produkt- und Servicequalität sowie zu einer Kultur der Offenheit. Da ein Unternehmen ein komplexes System ist legt er besonderen Wert auf die Kultur, die offen und ehrlich auch in Konfliktfällen sein soll.

Beschwerden sollen ehrlich und fair gehandhabt werden, sodass alle betroffenen Parteien angehört werden sollen und Ehrlichkeit soll durch Straffreiheit und Motivation zur Ehrlichkeit unterstützt werden. Leistungsindikatoren für Verkäufe sollten reziprokes Verkaufen mit Nutzen für Unternehmen und Kunden messen, da sie sonst sehr schnell zu einem korrupten System führen, der das Unternehmen gefährdet.

Kritik

Die Argumentation ist schlüssig und entspricht meinem Wissen für lange Zeiträume. Gleichzeitig ist bekannt, dass sich das kostenorientiere Unternehmenssegment durch Preis-Leistung definiert und das qualitätsorientierte Unternehmenssegment durch Marken. Marken betreffen häufig ansprechende Produkte und Innovationen. Relativ selten stehen Marken für gute Geschäftspraktiken. Zertifikate greifen häufig einzelne Aspekte guter Geschäftspraktik auf. Meines Erachtens wäre Transparenz und Besteuerung von negativen Externalitäten der Geschäftstätigkeit der entscheidende Hebel für marktgerechte Regulation von Kundenorientierung.

In der Tat wäre eine offene Kultur erstrebenswert, aber gerade diese Kultur existiert häufig nur vordergründig und ist selten überprüfbar. So konstatiert Richer auch, dass häufiger Reputationsschadensmanagement als Reputationsschadenprävention betrieben wird. Mein Eindruck ist, dass die meisten Unternehmen sich informell-kooperativ hinter Intransparenz verstecken, anstatt proaktiv Transparenz herzustellen und durch Wohlverhalten zu glänzen – gerade, weil sie nicht ethisch motiviert sind. Diese Leistung wird von Journalisten, Forschern und Interessensvertretungen erbracht, auf die Unternehmen reagieren. Richer hingegen Argumentiert, dass negative Ausreißer im Vordergrund öffentlicher Wahrnehmung stehen und das Bild auf die meisten Geschäftsführer verzerren. Das kann ich aufgrund der Intransparenz nicht prüfen.

Lieferanten

Guter Umgang mit Lieferanten inklusive der Dienstleister, die nicht am Produkt arbeiten, wie Putzkräfte, erzeugt bei den Konsumenten ein gutes Gewissen und Vertrauen in die Produkte (Differenzierungsvorteil, Risikoprofilaxe gegen Boykott) und bietet dem Unternehmen Spielräume durch Goodwill der Lieferanten, wenn es darauf ankommt (Mutualism).

Kritik

Während die Argumentation in sich schlüssig ist, ist doch die Transparenz ein entscheidender Faktor in Bezug auf die Kundenwirkung. Irritierend ist hier, dass Unternehmen selten Transparenz herstellen, im Gegenteil sogar investigative Gruppen existieren, die diese Leistung gesellschaftlich erbringen. Die Argumentation gilt also eher langfristig, als unmittelbar und immer.

Externe Perspektive und Regulation

In Bezug auf die externe Perspektive und Regulation geht Richer auf Wahrnehmung von Kapitalismus, Liberalismus, flexible Arbeitsverträge, exzessive Führungskräfteentlohnung, Steuervermeidung und Privatisierung ein.

Wahrnehmung von Kapitalismus und Liberalismus

Richer kritisiert, dass viele Menschen in der Unterscheidung Kapitalismus oder Sozialismus viel zu indifferenziert gegenüber Gestaltungsmöglichkeiten der einzelnen Systeme informiert sind: Wenige Menschen verstehen, dass man Kapitalismus unterschiedlich gestalten kann und auch sollte.

Deswegen gibt er sich irritiert ob der Chicagoer Schule (Liberalismus) die Staatsintervention ablehnt sowie Profitmaximierung und Shareholder Value zu alleinigen Ziel von Unternehmen erhebt. Es sickert durch, dass er dieser Strömung, die viele Verantwortungsträger (Investoren, Geschäftsführer, Politiker) aufgegriffen haben, viel gesellschaftlichen Schaden zurechnet. In Bezug auf das zentrale Gütekriterium dieser Theorie arbeitet er heraus, dass die Profitorientierung letztlich empirisch sogar mit niedrigeren Investorenrenditen einherginge.

Kritik

Diese Argumentation von Herrn Richer kann ich voll und ganz nachvollziehen. Ich teile den Eindruck, dass wenige Leute Kapitalismus differenziert betrachten können und bin irritiert von der Chicagoer Schule. Staatsintervention ist nach klassischer volkswirtschaftlicher Theorie erforderlich. Profitorientierung bezogen auf Aktienwert führt zur Kurzfristorientierung während der langfristige Wert durch Investitionen aufgebaut wird und das Unternehmen langfristig erhält – es wird zu wenig und zu kurzfristig investiert. Ich beobachte immer weniger Innovation und zu wenig Investition in Schwellen- und Entwicklungsländer, sodass global die Renditen bzw. das Wirtschaftswachstum sinkt.

Flexible Arbeitsverträge

Richer greift flexible Arbeitsverträge auf und konstatiert, dass diese wenigen einen Nutzen bringen, während viele dadurch in ihrer Verhandlungsposition geschwächt wurden. Viele verlieren dadurch klassische Arbeitnehmerprivilegien wie Urlaubsanspruch, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und gesichertes fixes Einkommen. Weiterhin können viele dadurch keine Kreditgeschäfte eingehen und sind ungerne von Vermietern gesehen.

Kritik

Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein heeres Ziel. Seit Generationen existiert Voll- und Teilzeit, aber ein Übertrag von realem Wirtschaftswachstum hin zu mehr Freizeit findet nicht statt. Stattdessen produzieren wir immer mehr. Statt eine gute Lebensqualität zu erarbeiten, erarbeiten wir immer höheren Luxus. Aus Perspektive unserer Zufriedenheit ist das vermutlich schwachsinnig. Vgl. Glücksländer.

Sie können heutzutage theoretisch sein: Arbeitsloser, arbeitsloser Minijober, Teilzeitkraft, Vollzeitkraft und Selbstständiger / Freelancer. Minijobs sind für gewöhnlich unqualifizierte Arbeit im Niedriglohnsektor, Teilzeitkräfte werden ungern gesehen und Selbstständige / Freelancer sind qualifizierte Arbeitskräfte die sich häufig wieder in abhängige Arbeit begeben, weil die Unsicherheit zu hoch ist. So kommt es, dass die meisten die Wahl zwischen Vollzeit und Arbeitslosigkeit haben. Arbeitslosigkeit bedeutet häufig einen unqualifizierten Nebenjob machen zu müssen.

Deswegen finde ich die modernen Ansätze einer wohlstandsproportionalen Grundsicherung und zeitlich flexibler Arbeitsverträge sinnvoll: Man sollte hinreichende Lebensqualität allgemein haben und für höheren Wohlstand und Luxus zusätzlich flexibel arbeiten gehen. Das verschiebt viel Niedriglohnarbeit hin zur Digitalisierung (die eventuell finanzierungstechnisch genutzt werden kann; vgl. Utilitismus) und erhöht die Sicherheit, sodass flexible Arbeit nicht wieder verdrängt wird.

Das bedeutet aber auch, dass dieser Teil der Ökonomie sinnvoll gestaltet wird. Hartz-IV-Sicherheit ist nicht mit Freelancing im akademischen Bereich kompatibel, weil man seinen Hartz-IV-Status verliert, wenn man mal eine gute Auftragslage hat und erst sein Vermögen aufbrauchen muss, wenn die Auftragslage einbricht, bis man wieder Anspruch auf Hartz-IV hat. Vielleicht sind hier sinnvollere Regelungen möglich, wie z. B. durch ein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine negative Einkommenssteuer.

In Bezug auf Selbstständige ist mir zu Ohren gekommen, dass diese Krankenversicherung bezahlen müssen, die sich mindestens nach einem Mindesteinkommenssatz bemessen, sodass der Aufbau der Selbstständigkeit behindert wird und gerade kleinere Zusatzarbeit verhindert wird. Leider bin ich derzeit nicht im Detail ausgebildet, um diesen wünschenswert fließenden Übergang beurteilen zu können, aber das binäre Modell arbeitsloser Minijober oder Vollzeitkraft verhindert m. E. enormen Wohlstand in Form von Freizeit und führt zu verschwenderischem und umweltschädigendem Luxus.

Exzessive Führungskräfteentlohnung

Richer merkt an, dass Führungskräfte exzessiv entlohnt werden und das der Legitimation – insbesondere auch durch Marktbegründungen – entbehrt. Er verweist an mancher Stelle auf Selbstbereicherung. Insbesondere auch im Zusammenhang mit öffentlich-rechtlichen Institutionen (in Großbritannien).

Die Bonuskultur prangert er scharf an und verweist auf Schweden, wo hohe Einkommenstransparenz zu geringeren Gehältern, Abwesenheit einer Bonuskultur und gleichermaßen erfolgreichen Unternehmen führe.

Richer fordert eine vernünftige Relation der Einkommen zwischen den Arbeitern, Führungskräften und Geschäftsführern, die durch Belegschaftsvertretung in Entlohnungsgremien erreicht werden soll.

Kritik

Aufgrund meiner Informationen zur Elitenforschung überzeugt mich das Selbstbereicherungsargument und auch ich gehe davon aus, dass Transparenz förderlich sein dürfte. Aber ich würde noch weiter gehen und der Belegschaft ein Mitbestimmungsrecht in Bezug auf Entlohnung und Besetzung von Führungspositionen geben, denn ich stelle mich gegen die im Gesetz vertretene Meinung, dass Unternehmen den Eignern gehören.

In Unternehmen gehen Kapital und Arbeit ein und die Arbeit entlohnt sich selbst ohne am Mehrwert beteiligt zu sein. Damit ist Arbeit (Lebenszeit) grundsätzlich am Gewinn zu beteiligen und in Bezug auf seine Verwendung zur Mitbestimmung mit Berechtigung auszustatten.

Weiterhin bin ich der Meinung, dass Investoren keinen Anspruch auf Renditemaximierung haben sollten, sonder fair für ihren Beitrag durch Konsumverzicht entlohnt werden sollten. Das bedeutet Geldwerterhaltung mit einem verzichtsangemessenen Anreiz zur Geldvergabe und ist möglich. Vgl. nachhaltiger Kapitalmarkt.

Steuervermeidung

Richer arbeitet heraus, dass Unternehmen und vermögende Menschen durch sogenannte Steueroasen Steuerzahlung umgehen, dass Steuerautoritäten in Großbritannien eher mit solchen (juristischen) Personen verhandeln, anstatt Gesetze durchzusetzen und dass in Großbritannien zunehmends Personal abgebaut wird, wo Steuereinnahmen eingetrieben werden könnten.

Er rät zur Verstärkung der Befugnisse von Steuerautoritäten, zu internationaler Kooperation, zu Transparenz und zur Erregung von Scham bei den Verantwortlichen, die ihren Erfolg der Gesellschaft zu verdanken haben. Transparenz sei wichtig, weil viele Bürger Steuervermeidung selbst dann amoralisch finden, wenn sie legal ist und derartige Unternehmen boykottieren würden.

Kritik

Ich fühle mich aufgrund der Grenzen meines Kompetenzkreises nicht befugt in diesem Thema an jeder Stelle mitzureden, aber ich erachte in Bezug auf Unternehmen und Privatpersonen Transparenz aus den genannten Gründen (Scham, Boykott) für hilfreich.

Privatisierung

Richer beklagt, dass die Debatte um Privatisierung zu oberflächlich und lagerartig geführt wurde und wird. Er verweist darauf, dass viele übersehen, dass ehemals private Leistungen aufgrund schlechter Leistung und finanziellem Struggle verstaatlicht worden.

Eine Vorteilhaftigkeit des Marktes ist gegeben, wenn ein klares Ziel und klare Maßnahmen zu dessen Erreichung vorliegen, Kunden klar identifiziert werden können, das Produkt klar ist, es um einfache Transaktionen geht und Wettbewerb herrscht.

Das sieht er für Gefängnisse, Schulen, Krankenhäuser, Wohnungsbau, neue Infrastruktur, Wasserversorgung und andere Säulen der Gesellschaft, die essentiell für alle sind, nicht gegeben. Und in Bezug auf die Bereiche, wo private und staatliche Geschäfte möglich sind, wie Schulen, Krankenhäuser und Wohnungsbau wie auch für die funktionierenden Privatisierungen empfhielt er die Ausarbeitung von Verträgen, die wohl durchdacht sind. So wurde z. B. in Großbritannien sozialer Wohnbau veräußert und im Vertrag das Recht neu zu bauen beschränkt, was grober Unfug gewesen sei.

Ein Positivbeispiel nach Richers Ansicht sei die Telekommunikationsbranche, in der bessere Preis-Leistung erreicht worden sei.

In Bezug auf die Behauptung, dass Privatunternehmen besser gemanaged seien als Staatsinstitutionen konstatiert Richer eine Unabhängigkeit der Managementqualität von der Eigentümerschafft. Er merkt jedoch kritisch an, dass Mitarbeiter, die Staatseigentum verwalten und Politiker häufig nicht hinreichend mit Verboten und deren Überwachung ausgestattet werden, um unabhängig zu sein und das Staatsinstitutionen häufig unter politischer Unsicherheit leiden, die ihre Ziele und Führungskräfte betreffen.

Beobachtungen an Staatsunternehmen verleiten Richer zu folgenden Empfehlungen: 1. nach Economies of Scale ausschau halten, 2. sich an Best Practices zu orientieren und 3. kontinuierliche Verbesserung / Kaizen zu betreiben.

Kritik

Ich bin kein Experte für dieses Thema, aber grundsätzlich sind Privatunternehmen gut darin grundlegende Bedürfnisse die alle Menschen haben zu befriedigen (Menge) und wohlhabende Nischensegmente zu bedienen.

Deswegen sind für mich Versicherungen zentral, die aus Nischen wohlhabende Nischen machen, wenn es um etwas Ernstes geht. Ich habe das Gefühl, dass Versicherungen die Menschen betreffen (Krankenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung, Arbeitslosenversicherung, Pflegeversicherung, Arbeitsausfallversicherung, Rechtsschutzversicherung usw.) eigentlich durch den Staat gemanaged werden sollten und für alle verbindlich sein sollten. Gerade die Entwicklungen der IT führen derzeit zu Diskussionen in Bezug auf Versicherungen (Marktsegmentierung), die wenig mit dem Grundprinzip von Versicherungen zu tun haben, das eine Gemeinschaft sich zusammentut, weil die individuellen Absicherungskosten für Risiken gemeinsam niedriger sind, als individuell.

Es gibt auch Kriterien für öffentliche Güter, die mir jedoch gerade nicht mehr zugänglich sind. In vielen sozialen Bereichen sind Interessenkonflikte zu beobachten, die zu verwerflichen Ergebnissen in privater Hand führen. Dazu gehören die von Herrn Richer angeführten Säulen der Gesellschaft.

Das Management in staatlichen Instituten ist weniger flexibel, da Gesetze den Leistungsumfang bestimmen und diese Gesetze vom Gesetzgeber und nicht vom Management vorgegeben werden. Deswegen erfordert Kaizen ein direktes Feedback der Behörden an den Gesetzgeber und entsprechende Reaktion. Zentralisierte Beschaffung (Economies of Scale) und intensive Vernetzung der einzelnen Behörden untereinander mit Benchmarking bezüglich Best Practices halte ich ebenfalls für empfehlenswert. Wichtig könnte auch sein, dass ein Auftrag, bessere Konzepte zu erarbeiten existieren sollte und im Budget der Behörden zu Buche schlägt.

Fazit

Geschäftsführer sind keine omnipotenten Helden, sondern verantwortlich für Repräsentation nach innen und außen und die Genehmigung wesentlicher struktureller Maßnahmen. In der internen Perspektive sind Transparenz, Produkte mit positivem gesellschaftlichem Beitrag, Leistungsindikatoren für prosoziales Verhalten und Soziopathendeselektion durch Kommunikation und Analyse besonders wichtig. In der externen Perspektive und in Bezug auf Regulation kann zu den angeführten Themen folgendes gesagt werden:

Thema Fazit
Kapitalismuswahrnehmung und Liberalismus Kapitalismus ist gestaltbar und sollte nach ganz herrschender Meinung gestaltet werden.
Flexible Arbeitsverträge Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein erstrebenswertes Ziel, jedoch derzeit nicht möglich gemacht, denn wer kann arbeitet Vollzeit.
Exzessive Führungskräfteentlohnung Transparenz über Einkommen, Mitbestimmung der Belegschaft und eine Renditebeschränkung auf investive Kapitalanalge können helfen.
Steuervermeidung Transparenz erzeugt Unternehmensboykotte durch Konsumenten und Scham der vermögenden Privatpersonen und sollte Steuervermeidung eindämmen können.
Privatisierung Die Eignung für die Privatisierung sollte vorsichtig und im Detaill erfolgen. Staatliches Management sollte in enger Kooperation mit dem Gesetzgeber erfolgen, Beschaffungen sollten zentralisiert werden und die einzelnen Behörden sollten miteinander vernetzt werden.

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